Wurffbain erlebt den Kreislauf der Rache

Dann geschah etwas Verstörendes Für alle im Dienst der Companie, die in Batavia Dienst taten und auf den Inseln eingesetzt wurden, war die Begegnung von Anthony van Diemen, dem neuen Generalgouverneur der VOC in Ostindien, mit dem Molukkischen König von Ternata ein eindrückliches Beispiel für die missglückte Vermählung der Kulturen. Van Diemen kam also persönlich zum König, um ihm die Ehre zu erweisen und die nahezu ewigen Spannungen zwischen der Companie und den Banda-Inseln zu entschärfen. Beide Herren waren mit jeweils großer, ihr Land repräsentierender Macht ausgestattet. Der König, interessiert an Erleichterung im Leben seiner Untertanen, strebte eine Art Vergleich an, wofür er seinen Stadthalter in Amboina namens Quimelaha zu opfern bereit war. So geschah es zuerst einmal, doch das Spiel war damit längst nicht aus, und van Diemen hatte keine Vorstellung davon, wie aus seiner Sicht perfide, raffiniert und listig der König eines unterjochten Volks auf seinem eigenen Grund und Boden agieren kann. Kaum also war der Generalgouverneur im guten Glauben an die Auslieferung des geopferten Stadthalters Quimelaha und mit dem gegebenen Versprechen auf friedvolles Miteinander abgereist, wurde auf der Insel Amboina ein neuer Stadthalter namens Kakiali ernannt, und zwar durch die Treulosesten unter den Widerspenstigen, wie Wurffbain notierte, was, so schloss er schließlich, wiederum heftigen Streit und weiteren Krieg verursacht habe, woraufhin der in Batavia inhaftierte Stadthalter Quimelaha durch einen von den Niederländern gekauften muslimischen Portugiesen unvorhergesehenerweise im Schlaf erwürgt wurde.
Rache folgte. Es kamen die Amboinischen Kriegsschiffe, sehr lang, sehr flach, und wenn der Wind schlecht stand, was oft vorkommt, ruderten die Krieger von einer Insel zur nächsten, so nah am Land wie möglich und das auch nur tagsüber. Es kamen also einhundertfünfzig rachlüsterne Personen auf einem Boot, Soldaten wie Ruderer zusammen, je beladen mit bis zu vierzig Stück Geschütz. Gewöhnlich nutzen sie Schild und Schwert, womit sie gut zu fechten und zu spielen wissen. Wurffbain zufolge sind sie in der Lage, in einem Sprung und auf einen Streich einen um den Kopf zu bringen, ihn also abzuschlagen, um es so zu sagen, weshalb sie allen Feinden, die in ihre Hände fallen, die Köpfe abtrennen, um sie dann, wie eine Trophäe an die Korrakorras, ihre Kriegsboote, zu hängen. Nach drei Tagen nehmen sie die Köpfe von dort wieder ab, kochen das Fleisch ab und hängen die übrig bleibenden Knochen als Zeichen ihres Triumphs an ihren Häusern aufs neue auf. Diese Ruchlosigkeit der Amboinaer echauffiert Wurffbain so sehr wie er die Fruchtbarkeit der Insel für absonderlich hält, was vielmehr heißt: überwältigend, erstaunlich, sagenhaft, vor allem bezüglich der großen Mengen dort wachsender Gewürznelken, von denen die Niederländer in manchen Jahren 100.000 Pfund einsammeln und nach Europa verfrachten. Die Nelke, eine edle, mit schönen Blättern ausgestattete Frucht, muss, anders als oft behauptet, nicht abgepflückt werden, sie fällt von selbst. Man hat dann unter den Bäumen zu kehren und die Früchte zu sammeln und sie zum Dörren in die Sonne zu legen.
Wurffbain lobt die Fruchtbarkeit der Insel Amboina, das reichlich Vieh, die Ochsen, Kühe, Hühner, Tauben, Schweine, dann die Zwiebeln, Bohnen, Erbsen und viel guter Fisch, und für die Herrlichkeit auf Erden fehlt es ihnen seiner Meinung nach nur an Reis und Korn und also an Brot. Schlimmer als das Sagoun genannte, den Gaumen mit harten Kanten zerschneidende Brot und den aus Europa hinlänglich bekannten Krankheiten Fieber, Ruhr, Wassersucht, Pocken, Kinderblattern und Geschwulste empfindet Wurffbain allerdings die Krankheit Beri-beri, die ihren Sitz, wie er mutmaßt, in den Füßen habe, wo die Nerven gleichsam ausgedehnt würden, weshalb die Schenkel schlottern und zittern und der Betroffene nicht gehen könne, sondern zu laufen anfange, bis er entweder aufgehalten werde oder schlicht zu Boden falle. Reizbarkeit, Zittern, Brennen, Schmerzen im Abdomen und periphere Neuritis wie Depression, Lähmung der Hirnnerven und Herzinsuffizienz sind die Frühsymptome von Beriberi, einer auch infolge der Reiseberichte deutscher Ostindienfahrer später als Vitamin B1-Mangel erkannten und nach dem heutigen ICD10-Schlüssel erkannten Nervenkrankheit, die, das hatte Wurffbain oft genug beobachtet, Jahre dauern konnte und gern im Tode endete.
Da Wurffbain sich über Krankheiten Gedanken macht, sind die Dörfer von Amboina leer, öd und zum Teil längst eingeäschert. Die Niederländer haben 5000 auserlesene Gewürznelkenbäume gefällt, um die Menge zu kontingentieren und die Preise hoch zu halten (was Wurffbain keinesfalls goutiert); sie besorgen sich Sagoun auf Vorrat und fällen noch einmal 300 Muskatnussbäume, um ihr Monopol zu sichern und das Angebot kleiner als die Nachfrage zu halten. Sie wandern umher und erreichen die Dörfer Erang, Ouréen und Wai an der Ostküste. Aus Rache des Stammeshäuptlings wurden fünfzehn getreue Untertanen der Niederländer, totgeschlagen und fünfzig Christen entführt, ehe man das Dorf in Brand steckt. Einen Tag später sieht auch Wurffbain den Qualm und die Asche. Oben, auf mächtigen Klippen, sieht er zwei Festungen, und als die Aufständischen die niederländische Patrouille entdecken, fliehen derer einige mit allem, was sie in die Hände bekommen, ins Kastell. Mit goldener Kette als Zeichen der Demut und versehen mit weißer Fahne wird, im Namen sämtlicher Orang Kayas, der Stammesführer der Bandainseln, ein Pfaffe an den Oberst der Companie abgegeben. Es sei bekannt, antworten die Niederländer, dass die Einwohner von Seram seit Jahren den Feinden der Niederländer – namentlich den flüchtigen Bandanesern, Makassaren und Javanern – Unterschlupf, Aufenthalt und Hilfe geboten hätten, mehr noch: dass sie, die Einwohner der Insel, gegen die Regel der Niederländer (die das Monopol auf die Gewürze reklamierten) auf verschiedenen Handelsplätzen Gewürznelken aufgekauft und mehr noch: die getreuen Untertanen der Niederländer sogar beraubt, gefangen und getötet, ja selbst noch mit den feindseligen „Mohren“ bis zu den Inseln von Banda gefahren seien und, wo dies ging, den Niederländern und ihren Untergebenen Schaden und Unheil zugefügt hätten. Der General befiehlt, sie allesamt zu verfolgen und abzustrafen, es sei denn, dass sie die gesuchten Fremdlinge freiwillig in die Hand des Obersts gäben, und dies unverzüglich. In diesem Fall soll ihnen, den Einwohnern von Seram, Gnade widerfahren, übermittelt man dem als Vermittler gesandten Pfaffen, der sich, mit weißer Fahne in der Hand, bemüht, die Übeltaten zu beschönigen und ankündigt, er werde sich, in Anwesenheit niederländischer Abgeordnete, mit den Orang Kayas besprechen, woraufhin die Companie den Pfaffen kurzerhand doch lieber als Bürgen einbehält. Im Verlauf der nächsten beiden Stunden kommen die besagten VOC-Abgeordneten per Schiff, am folgenden Tag begeben sie sich noch vor Sonnenaufgang an Land und ziehen in die von den Abtrünnigen verlassenen Dörfern ein. Am folgenden Tag schießen die Niederländer auf eine der Festungen, und weil es nur „schlechten Widerstand“ gibt, wird dieselbe, mit „kleinem Verlust“, wie es heißt, sofort erobert. Die Verteidiger fliehen, und so sie keiner der niederländischen Büchsenschuss trifft, retten sie sich mittels schwimmen zum anderen Fort. Ohne Verzug werden drei VOC-Kanonen in das eroberte Kastell gebracht und von dort jene andere Festung beschossen, woraufhin der Pfaffe in einem Schifflein auf dem Weg zu den Niederländern leider von einem, wie Wurffbain notiert, „unverständigen Corporal“ zu Tode geschossen wird. Kurz darauf kommen drei sehr alte Weiber, jede mit goldener Kette um den Hals, in einem kleinen Schiff angefahren, melden, wie es Gepflogenheit war, „Verehrung“ an und bitten die Niederländer, man möge den feindseligen Aktionen ein Ende bereiten und sich mit den Orang Kayas in einen friedfertigen Vergleich einlassen. Die Vertreter der Companie teilen den Frauen das Gleiche wie zwei Tagen zuvor dem gerade erschossenen Pfaffen mit: Ausnahmslos alle Einwohner hätten sich unverzüglich den Niederländern zu ergeben und zu ihnen ins Lager zu kommen. Im widrigen Fall würden alle bis auf den letzten Mann vertilgt, wie es heißt, und man würde nicht eher ruhen, bis dieses Werk vollendet sei.
Niemand ergibt sich. Es geht hin und her, die Niederländer bringen mit Gewalt Schiffe auf, verlieren aber Seeleute, und dann gelingt es Soldaten der Companie, in die Hauptfestung von Seram zu kommen, in der Hoffnung, dieselbe in kurzer Zeit zu erobern. Eine halbe Stunde steigen sie den hohen Berg hinauf, dann plötzlich, auf einem ebenen Feld gelegen, von einer Steinmauer umgeben, bekommen sie, nicht einmal einen Kanonenschuss entfernt, die Festung zu Gesicht. Das Gras ist hoch, von der Höhe eines Mannes, wie Wurffbain, der weder zu Pathos noch Empörung neigt, erkennt. Er ist sich der Beschwernis bewusst, die der normale Weg mit sich brächte. Mit Gewehrschüssen kommen sie nicht weiter, dafür ist die Festung zu weit entfernt, das sieht Wurffbain, aber je näher sie kommen, desto mehr attackiert der Feind die Angreifer mit kleinem Geschütz, mit Rohren und Pfeilen, recht tapfer, wie Wurffbain über sein Erstaunen erstaunt vermerkt, was die Niederländer weit stärker in Bedrängnis bringt als vermutet. Kurzum: Die VOC-Soldaten quetschen sich zusammen und werden schließlich in Grund und Boden geschossen, denn auf der Mauer sitzen „Mohren“, um den linken Arm eine weiße Binde, während sich die den Niederländern verbundenen Völker mit einer roten Binde um den rechten Arme auf ganz anderer Seite zu erkennen geben. Die Mohren feuern mit Bögen, Steinen, kleinen Pfeilen sowie an der Spitze vergifteten Fischgräten, die sie aus Rohren herausblasen. Das Ganze geht zwei Stunden, dann erkennt der Niederländische Kriegsrat, dass weiteres Gefecht auf diesem Niveau ohne grobes Geschütz sinnlos sei, es zugleich aber unmöglich ist, dasselbe, also grobes Geschütz, den recht steilen Berg hinaufzubringen, weshalb die Angreifer, wie Wurffbain notiert, „unverrichteter Sache“ abziehen. Als erlittener Verlust wird verzeichnet: 13 Tote, 133 Gequetschte, von denen 40 eher tot als lebendig waren.
Ein paar Tage darauf geschehen denkwürdige Ereignisse im Leben des Johann Sigmund Wurffbain, der sich im Dienst des größten Unternehmens der damaligen Welt an jenen mitverschuldet, die die Niederländern – weil sie nicht sofort kleinbeigeben, den im Namen des christlichen Gottes agierenden Eroberern die Monopole über Gewürznelke und Muskatnuss einräumen und überhaupt: sich gegen die Kolonialisten aus dem Westen zur Wehr setzen – vor unerwartete Probleme stellt. Weil der Hunger überhand nimmt, werden die Fremden in der Festung der Niederländer – also Alte, Frauen und Kinder und andere zur Gegenwehr untüchtige Personen – aus der Festung gebracht und von den der Companie treuen „Mohren“ außerhalb des Kastells sofort angenommen. Es scheint eine Verabredung zu geben, die Wurffbain nicht kennt, aber er ist ja auch nur Adelborst, und so ist es mit niederen Rängen: Sie führen aus, wissen aber nicht, warum. In der folgenden Nacht machen Wurffbain und sein Leutnant die „Runde“ (man könnte heute Patrouille sagen), und als beide Herren ins Quartier des Stammes der Alfur kommen – die, wie Wurffbain bemerkt, ein besonders heidnisches Volk sind, von dem etliche, bis zu 1000 Mann nämlich, den niederländischen Besatzern Beistand leisten, sehen die beiden Nachtwachen mit eigenen Augen, wie in deren Häusern „viehischerweise“, wie Wurffbain anmerkt, das Menschenfleisch der Alte, Frauen und Kinder gebraten wird. Ohren, Nasen und Lippen hängen an Spießlein, auf anderen, womöglich größeren Spießen stecken zertrümmerte Köpfe, abgetrennte Arme und Beine, und all das, um sich an den gebratenen Opfern satt zu essen. All das empfindet Wurffbain persönlich als entsetzlich und grausam.
In den folgenden Tagen wechseln List und Hinterlist, die Niederländer arbeiten mit Tricks und Finten, in der Tiefe verdeckter Gräben warten Fußangeln, es wird gekämpft, verteidigt, belagert, Kanonen feuern. Die tags erlittenen Schäden werden nachts wieder ausgebessert, die „Mohren“ hatten sich sämtlich verschworen, bis zum letzten Mann zu kämpfen, während die Niederländer darauf warteten, die Festung im Sturm zu erobern, was zu fortgesetzten Schießereien führt, eine Art Stellungskrieg, der sich nicht entscheiden will. Gegen Mittag eines der nächsten Tage erscheint ein, wie Wurffbain schreibt, „altes Weib“ mit Friedensfahne und bittet um Gehör. Eine Waffenpause wird verordnet. Was die Frau zu sagen hat, scheint Wurffbain erstaunlich: Die Einwohner der Insel Seram begäben sich gehorsam in die Hand der Hochmögenden Staaten der Sieben Niederländischen Provinzen und des Prinzen von Oranien und den Befehlsgewaltigen der Ostindischen Companie, sie streckten also die Waffen, schwörten der Feindseligkeit ab, leisteten den Feinden der Niederländer keinerlei Widerstand, so das von Wurffbain als alt und Weib bezeichnete alte Weib. Ferner entsagen die Einheimischen jeglichen Handels mit Gewürzen von Amboina und Banda (also Gewürznelke und Muskatnuss) und verhindern, dass es den Feinden der Niederländer möglich wäre, diesen Handel zu treiben (was nichts anderes bedeutet als den Verzicht der Insulaner, mit Spanien, Portugal oder England Handel zu treiben). Drittens schließlich, zur Strafe ihres so viele Jahre andauernden Widerstands, all ihrer verübten Übeltaten und Untreue gegenüber den Niederländischen Armee, werden sie innerhalb von drei Tagen 60 Pfund Gold und 200 Sklaven übergeben. Fürs erste, denkt Wurffbain, ist das mal eine totale Niederlage der Rebellen. Die Einwohner der großen Insel Seram hatten sich ihm, den Holländern und der Companie unterworfen. Fünf Tage später zahlen die Orang Kaya von Seram, die nicht nur Reichsten, sondern Mächtigsten der Stammesfürsten, etwa 30 Pfund Gold und 100 Sklaven. Die andere Hälfte solle im folgenden Jahr beglichen werden, wofür die Orang Kaya sich verbürgen.
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Dann geschah etwas Verstörendes Für alle im Dienst der Companie, die in Batavia Dienst taten und auf den Inseln eingesetzt wurden, war die Begegnung von Anthony van Diemen, dem neuen Generalgouverneur der VOC in Ostindien, mit dem Molukkischen König von Ternata ein eindrückliches Beispiel für die missglückte Vermählung der Kulturen. Van Diemen kam also persönlich zum König, um ihm die Ehre zu erweisen und die nahezu ewigen Spannungen zwischen der Companie und den Banda-Inseln zu entschärfen. Beide Herren waren mit jeweils großer, ihr Land repräsentierender Macht ausgestattet. Der König, interessiert an Erleichterung im Leben seiner Untertanen, strebte eine Art Vergleich an, wofür er seinen Stadthalter in Amboina namens Quimelaha zu opfern bereit war. So geschah es zuerst einmal, doch das Spiel war damit längst nicht aus, und van Diemen hatte keine Vorstellung davon, wie aus seiner Sicht perfide, raffiniert und listig der König eines unterjochten Volks auf seinem eigenen Grund und Boden agieren kann. Kaum also war der Generalgouverneur im guten Glauben an die Auslieferung des geopferten Stadthalters Quimelaha und mit dem gegebenen Versprechen auf friedvolles Miteinander abgereist, wurde auf der Insel Amboina ein neuer Stadthalter namens Kakiali ernannt, und zwar durch die Treulosesten unter den Widerspenstigen, wie Wurffbain notierte, was, so schloss er schließlich, wiederum heftigen Streit und weiteren Krieg verursacht habe, woraufhin der in Batavia inhaftierte Stadthalter Quimelaha durch einen von den Niederländern gekauften muslimischen Portugiesen unvorhergesehenerweise im Schlaf erwürgt wurde.
Rache folgte. Es kamen die Amboinischen Kriegsschiffe, sehr lang, sehr flach, und wenn der Wind schlecht stand, was oft vorkommt, ruderten die Krieger von einer Insel zur nächsten, so nah am Land wie möglich und das auch nur tagsüber. Es kamen also einhundertfünfzig rachlüsterne Personen auf einem Boot, Soldaten wie Ruderer zusammen, je beladen mit bis zu vierzig Stück Geschütz. Gewöhnlich nutzen sie Schild und Schwert, womit sie gut zu fechten und zu spielen wissen. Wurffbain zufolge sind sie in der Lage, in einem Sprung und auf einen Streich einen um den Kopf zu bringen, ihn also abzuschlagen, um es so zu sagen, weshalb sie allen Feinden, die in ihre Hände fallen, die Köpfe abtrennen, um sie dann, wie eine Trophäe an die Korrakorras, ihre Kriegsboote, zu hängen. Nach drei Tagen nehmen sie die Köpfe von dort wieder ab, kochen das Fleisch ab und hängen die übrig bleibenden Knochen als Zeichen ihres Triumphs an ihren Häusern aufs neue auf. Diese Ruchlosigkeit der Amboinaer echauffiert Wurffbain so sehr wie er die Fruchtbarkeit der Insel für absonderlich hält, was vielmehr heißt: überwältigend, erstaunlich, sagenhaft, vor allem bezüglich der großen Mengen dort wachsender Gewürznelken, von denen die Niederländer in manchen Jahren 100.000 Pfund einsammeln und nach Europa verfrachten. Die Nelke, eine edle, mit schönen Blättern ausgestattete Frucht, muss, anders als oft behauptet, nicht abgepflückt werden, sie fällt von selbst. Man hat dann unter den Bäumen zu kehren und die Früchte zu sammeln und sie zum Dörren in die Sonne zu legen.
Wurffbain lobt die Fruchtbarkeit der Insel Amboina, das reichlich Vieh, die Ochsen, Kühe, Hühner, Tauben, Schweine, dann die Zwiebeln, Bohnen, Erbsen und viel guter Fisch, und für die Herrlichkeit auf Erden fehlt es ihnen seiner Meinung nach nur an Reis und Korn und also an Brot. Schlimmer als das Sagoun genannte, den Gaumen mit harten Kanten zerschneidende Brot und den aus Europa hinlänglich bekannten Krankheiten Fieber, Ruhr, Wassersucht, Pocken, Kinderblattern und Geschwulste empfindet Wurffbain allerdings die Krankheit Beri-beri, die ihren Sitz, wie er mutmaßt, in den Füßen habe, wo die Nerven gleichsam ausgedehnt würden, weshalb die Schenkel schlottern und zittern und der Betroffene nicht gehen könne, sondern zu laufen anfange, bis er entweder aufgehalten werde oder schlicht zu Boden falle. Reizbarkeit, Zittern, Brennen, Schmerzen im Abdomen und periphere Neuritis wie Depression, Lähmung der Hirnnerven und Herzinsuffizienz sind die Frühsymptome von Beriberi, einer auch infolge der Reiseberichte deutscher Ostindienfahrer später als Vitamin B1-Mangel erkannten und nach dem heutigen ICD10-Schlüssel erkannten Nervenkrankheit, die, das hatte Wurffbain oft genug beobachtet, Jahre dauern konnte und gern im Tode endete.
Da Wurffbain sich über Krankheiten Gedanken macht, sind die Dörfer von Amboina leer, öd und zum Teil längst eingeäschert. Die Niederländer haben 5000 auserlesene Gewürznelkenbäume gefällt, um die Menge zu kontingentieren und die Preise hoch zu halten (was Wurffbain keinesfalls goutiert); sie besorgen sich Sagoun auf Vorrat und fällen noch einmal 300 Muskatnussbäume, um ihr Monopol zu sichern und das Angebot kleiner als die Nachfrage zu halten. Sie wandern umher und erreichen die Dörfer Erang, Ouréen und Wai an der Ostküste. Aus Rache des Stammeshäuptlings wurden fünfzehn getreue Untertanen der Niederländer, totgeschlagen und fünfzig Christen entführt, ehe man das Dorf in Brand steckt. Einen Tag später sieht auch Wurffbain den Qualm und die Asche. Oben, auf mächtigen Klippen, sieht er zwei Festungen, und als die Aufständischen die niederländische Patrouille entdecken, fliehen derer einige mit allem, was sie in die Hände bekommen, ins Kastell. Mit goldener Kette als Zeichen der Demut und versehen mit weißer Fahne wird, im Namen sämtlicher Orang Kayas, der Stammesführer der Bandainseln, ein Pfaffe an den Oberst der Companie abgegeben. Es sei bekannt, antworten die Niederländer, dass die Einwohner von Seram seit Jahren den Feinden der Niederländer – namentlich den flüchtigen Bandanesern, Makassaren und Javanern – Unterschlupf, Aufenthalt und Hilfe geboten hätten, mehr noch: dass sie, die Einwohner der Insel, gegen die Regel der Niederländer (die das Monopol auf die Gewürze reklamierten) auf verschiedenen Handelsplätzen Gewürznelken aufgekauft und mehr noch: die getreuen Untertanen der Niederländer sogar beraubt, gefangen und getötet, ja selbst noch mit den feindseligen „Mohren“ bis zu den Inseln von Banda gefahren seien und, wo dies ging, den Niederländern und ihren Untergebenen Schaden und Unheil zugefügt hätten. Der General befiehlt, sie allesamt zu verfolgen und abzustrafen, es sei denn, dass sie die gesuchten Fremdlinge freiwillig in die Hand des Obersts gäben, und dies unverzüglich. In diesem Fall soll ihnen, den Einwohnern von Seram, Gnade widerfahren, übermittelt man dem als Vermittler gesandten Pfaffen, der sich, mit weißer Fahne in der Hand, bemüht, die Übeltaten zu beschönigen und ankündigt, er werde sich, in Anwesenheit niederländischer Abgeordnete, mit den Orang Kayas besprechen, woraufhin die Companie den Pfaffen kurzerhand doch lieber als Bürgen einbehält. Im Verlauf der nächsten beiden Stunden kommen die besagten VOC-Abgeordneten per Schiff, am folgenden Tag begeben sie sich noch vor Sonnenaufgang an Land und ziehen in die von den Abtrünnigen verlassenen Dörfern ein. Am folgenden Tag schießen die Niederländer auf eine der Festungen, und weil es nur „schlechten Widerstand“ gibt, wird dieselbe, mit „kleinem Verlust“, wie es heißt, sofort erobert. Die Verteidiger fliehen, und so sie keiner der niederländischen Büchsenschuss trifft, retten sie sich mittels schwimmen zum anderen Fort. Ohne Verzug werden drei VOC-Kanonen in das eroberte Kastell gebracht und von dort jene andere Festung beschossen, woraufhin der Pfaffe in einem Schifflein auf dem Weg zu den Niederländern leider von einem, wie Wurffbain notiert, „unverständigen Corporal“ zu Tode geschossen wird. Kurz darauf kommen drei sehr alte Weiber, jede mit goldener Kette um den Hals, in einem kleinen Schiff angefahren, melden, wie es Gepflogenheit war, „Verehrung“ an und bitten die Niederländer, man möge den feindseligen Aktionen ein Ende bereiten und sich mit den Orang Kayas in einen friedfertigen Vergleich einlassen. Die Vertreter der Companie teilen den Frauen das Gleiche wie zwei Tagen zuvor dem gerade erschossenen Pfaffen mit: Ausnahmslos alle Einwohner hätten sich unverzüglich den Niederländern zu ergeben und zu ihnen ins Lager zu kommen. Im widrigen Fall würden alle bis auf den letzten Mann vertilgt, wie es heißt, und man würde nicht eher ruhen, bis dieses Werk vollendet sei.
Niemand ergibt sich. Es geht hin und her, die Niederländer bringen mit Gewalt Schiffe auf, verlieren aber Seeleute, und dann gelingt es Soldaten der Companie, in die Hauptfestung von Seram zu kommen, in der Hoffnung, dieselbe in kurzer Zeit zu erobern. Eine halbe Stunde steigen sie den hohen Berg hinauf, dann plötzlich, auf einem ebenen Feld gelegen, von einer Steinmauer umgeben, bekommen sie, nicht einmal einen Kanonenschuss entfernt, die Festung zu Gesicht. Das Gras ist hoch, von der Höhe eines Mannes, wie Wurffbain, der weder zu Pathos noch Empörung neigt, erkennt. Er ist sich der Beschwernis bewusst, die der normale Weg mit sich brächte. Mit Gewehrschüssen kommen sie nicht weiter, dafür ist die Festung zu weit entfernt, das sieht Wurffbain, aber je näher sie kommen, desto mehr attackiert der Feind die Angreifer mit kleinem Geschütz, mit Rohren und Pfeilen, recht tapfer, wie Wurffbain über sein Erstaunen erstaunt vermerkt, was die Niederländer weit stärker in Bedrängnis bringt als vermutet. Kurzum: Die VOC-Soldaten quetschen sich zusammen und werden schließlich in Grund und Boden geschossen, denn auf der Mauer sitzen „Mohren“, um den linken Arm eine weiße Binde, während sich die den Niederländern verbundenen Völker mit einer roten Binde um den rechten Arme auf ganz anderer Seite zu erkennen geben. Die Mohren feuern mit Bögen, Steinen, kleinen Pfeilen sowie an der Spitze vergifteten Fischgräten, die sie aus Rohren herausblasen. Das Ganze geht zwei Stunden, dann erkennt der Niederländische Kriegsrat, dass weiteres Gefecht auf diesem Niveau ohne grobes Geschütz sinnlos sei, es zugleich aber unmöglich ist, dasselbe, also grobes Geschütz, den recht steilen Berg hinaufzubringen, weshalb die Angreifer, wie Wurffbain notiert, „unverrichteter Sache“ abziehen. Als erlittener Verlust wird verzeichnet: 13 Tote, 133 Gequetschte, von denen 40 eher tot als lebendig waren.
Ein paar Tage darauf geschehen denkwürdige Ereignisse im Leben des Johann Sigmund Wurffbain, der sich im Dienst des größten Unternehmens der damaligen Welt an jenen mitverschuldet, die die Niederländern – weil sie nicht sofort kleinbeigeben, den im Namen des christlichen Gottes agierenden Eroberern die Monopole über Gewürznelke und Muskatnuss einräumen und überhaupt: sich gegen die Kolonialisten aus dem Westen zur Wehr setzen – vor unerwartete Probleme stellt. Weil der Hunger überhand nimmt, werden die Fremden in der Festung der Niederländer – also Alte, Frauen und Kinder und andere zur Gegenwehr untüchtige Personen – aus der Festung gebracht und von den der Companie treuen „Mohren“ außerhalb des Kastells sofort angenommen. Es scheint eine Verabredung zu geben, die Wurffbain nicht kennt, aber er ist ja auch nur Adelborst, und so ist es mit niederen Rängen: Sie führen aus, wissen aber nicht, warum. In der folgenden Nacht machen Wurffbain und sein Leutnant die „Runde“ (man könnte heute Patrouille sagen), und als beide Herren ins Quartier des Stammes der Alfur kommen – die, wie Wurffbain bemerkt, ein besonders heidnisches Volk sind, von dem etliche, bis zu 1000 Mann nämlich, den niederländischen Besatzern Beistand leisten, sehen die beiden Nachtwachen mit eigenen Augen, wie in deren Häusern „viehischerweise“, wie Wurffbain anmerkt, das Menschenfleisch der Alte, Frauen und Kinder gebraten wird. Ohren, Nasen und Lippen hängen an Spießlein, auf anderen, womöglich größeren Spießen stecken zertrümmerte Köpfe, abgetrennte Arme und Beine, und all das, um sich an den gebratenen Opfern satt zu essen. All das empfindet Wurffbain persönlich als entsetzlich und grausam.
In den folgenden Tagen wechseln List und Hinterlist, die Niederländer arbeiten mit Tricks und Finten, in der Tiefe verdeckter Gräben warten Fußangeln, es wird gekämpft, verteidigt, belagert, Kanonen feuern. Die tags erlittenen Schäden werden nachts wieder ausgebessert, die „Mohren“ hatten sich sämtlich verschworen, bis zum letzten Mann zu kämpfen, während die Niederländer darauf warteten, die Festung im Sturm zu erobern, was zu fortgesetzten Schießereien führt, eine Art Stellungskrieg, der sich nicht entscheiden will. Gegen Mittag eines der nächsten Tage erscheint ein, wie Wurffbain schreibt, „altes Weib“ mit Friedensfahne und bittet um Gehör. Eine Waffenpause wird verordnet. Was die Frau zu sagen hat, scheint Wurffbain erstaunlich: Die Einwohner der Insel Seram begäben sich gehorsam in die Hand der Hochmögenden Staaten der Sieben Niederländischen Provinzen und des Prinzen von Oranien und den Befehlsgewaltigen der Ostindischen Companie, sie streckten also die Waffen, schwörten der Feindseligkeit ab, leisteten den Feinden der Niederländer keinerlei Widerstand, so das von Wurffbain als alt und Weib bezeichnete alte Weib. Ferner entsagen die Einheimischen jeglichen Handels mit Gewürzen von Amboina und Banda (also Gewürznelke und Muskatnuss) und verhindern, dass es den Feinden der Niederländer möglich wäre, diesen Handel zu treiben (was nichts anderes bedeutet als den Verzicht der Insulaner, mit Spanien, Portugal oder England Handel zu treiben). Drittens schließlich, zur Strafe ihres so viele Jahre andauernden Widerstands, all ihrer verübten Übeltaten und Untreue gegenüber den Niederländischen Armee, werden sie innerhalb von drei Tagen 60 Pfund Gold und 200 Sklaven übergeben. Fürs erste, denkt Wurffbain, ist das mal eine totale Niederlage der Rebellen. Die Einwohner der großen Insel Seram hatten sich ihm, den Holländern und der Companie unterworfen. Fünf Tage später zahlen die Orang Kaya von Seram, die nicht nur Reichsten, sondern Mächtigsten der Stammesfürsten, etwa 30 Pfund Gold und 100 Sklaven. Die andere Hälfte solle im folgenden Jahr beglichen werden, wofür die Orang Kaya sich verbürgen.