Elendes aus der hölzernen Hölle

Wurffbain, so stelle ich es mir vor, stand immer in der zweiten Reihe, orientierte sich aber nach oben. Er suchte die Nähe des Oberkaufmanns, nicht die der Matrosen. Jeder herausgeschrieene Befehl erschütterte ihn, jeder Fluch kroch ihm unter die Haut, aber er würde der Letzte sein, den man für Ungehorsam bestrafen musste, nur weil er in einem Eck des Zwischendecks saß und einen Bleistift anspitzte, um seine persönlichen Beobachtungen und Gedanken zu Papier zu bringen, die wie folgt gelautet haben:
Ich habe keinen Skorbut, dank Gottes Gnade, aber wer weiß, wann es auch mich erwischt. Bei den anderen fault das Zahnfleisch. Ihr Atem stinkt furchterregend. Ihre Beine sind übersät mit Beulen. Überall Flecken auf der Haut. Man kann ihre Zähne mit bloßen Fingern aus dem Mund klauben. Den ganzen Tag sind sie träge. Ihre engen Brustkörbe vibrieren, sie hecheln. Manche husten und glauben, sie ersticken. Einige sind bereits wahnsinnig. Keiner kann dem Schiff entkommen, wir sind in einer hölzernen Hölle. Gestern sah ich einen Matrosen vom Mast fallen und einen anderen über Bord gehen. Stirbt einer, gibt es eine kurze Zeremonie, dann wird die Leiche dem Meer übergeben. Tote Matrosen sind in ein Stück Segel eingewickelt, tote Offiziere werden in Kisten entsorgt und rutschen, mit Kugeln oder Sand beschwert, über ein Brett in den Ozean. Wir nehmen die die südliche Route, da die nördliche, die sogenannte portugiesische, längs der Küste von Südafrika und Madagaskar führt. Die westlichen Strömungen sind stark und gefährlich, die veränderlichen Winde wie die Windstillen auf den unteren Breiten eine unkalkulierbare Bedrohung für jedes Schiff, dazu kommen die zeitweise große Hitze, ferner die Riffe und dann, keinesfalls zu vergessen, die von Nordost nach Südost laufenden Orkane westlich wie östlich der Maskarenen im Indischen Ozean. Sobald spanische Gefilde erreicht werden, wird einer ins Meer getaucht oder zumindest fröhlich mit Meerwasser begossen, aber bei uns war es anders. Am Tag, als wir dort einfuhren, gab es den ersten Toten an Bord. Ein Kannonier. Niemand wusste, woran er starb. Auf dem Schiff kann der Tod schnell passieren, wenn einen die Hitze erschlägt.
Am 23. April sahen wir die Insel Porto Santo, tags darauf Madeira, die Tage später die Kanaren und am 2. Mai die Kapverden, wo die aus Portugal verstoßenen Mörder leben. Mit ihnen verhandelten wir frisches Wasser gegen Hühner, Rind und anderes Vieh von unserem Schiff. Alle bekamen ein halbes Pfund Meerrettich zur Erfrischung, am Tag darauf zehn Haken mit Garn, um selbst auf gut Glück zu fischen. Unser Schiff wurde mit Essig gereinigt, dann starb der Handelsdiener Wilhelm Donker van der Goude auf der geografischen Breite Null. Am 5. Juni schifften wir über den Tropicus Capricorni, den südlichen ‚Wendekreis des Steinbocks’, als aufs neue einer starb, namentlich Johann Sipkes, Quartiermeister der Schiffsgesellen, Bruder des Obersteuermanns. Drei Tage später wurden fünf Schiffe hinter uns gemeldet. Niemand wusste genau, ob Freund oder Feind unterwegs war, weshalb der General die weiße Fahne aufstecken und ein Geschütz abfeuern ließ, während sich alle auf eine tätliche Auseinandersetzung vorbereiteten. Beschlossen wurde die Änderung der Route, und zwar bei hereinbrechender Nacht, ein beträchtlicher Umweg, um Gefahren aus dem Weg zu gehen. Am 24. Juni brach Kälte herein und würde vermutlich Wochen andauern, weshalb die Rationen verringert wurden: nur noch drei Fünftel Maß Bier pro Tag pro Person, zur Frühkost 0,1 Liter Wermut, nachts 0,1 Liter spanischen Wein. Mangel an Bier und Süßwasser gab es nicht, der Krankenstand war gering, besondere Erfrischungen waren ja kaum nötig, der Oberkaufmann, der das Kommando hat, fand es sinnlos, am nahgelegenen Kap der Guten Hoffnung festzumachen, so sparten wir wertvolle Zeit. Bisher hatte Gott uns bequemes Wetter beschert, die Gelegenheit wollte genutzt sein, weshalb wir geradewegs Richtung Java weiterfuhren. Fünf Tage später wurde unser General von kaltem Fieber erfasst, das ihn acht Tage später wieder verließ. Der weitere Juli verlief ruhig.
Wurffbain, der, so stelle ich es mir vor, seine Notizen eher in der Jackeninnentasche als in seiner Kiste verstaute, war zu diesem Moment fünf Monate auf See. Zur Hälfte der Hinreise, östlich des Kaps der Guten Hoffnung, hatten sie, so schien es, das Schlimmste hinter sich gebracht, Winde, Stürme, Tote, und sie erwarteten unter Aufsicht Gottes eine vergleichsweise kurze Restreise weiter nach Batavia. Nur das Bier war ausgegangen, weshalb sie mit Süßwasser vorlieb zu nehmen hatten, wie Wurffbain seinen Sohn Paul Jahre später notieren lässt (dessen Notizen mir ja heute vorliegen), was hinsichtlich der Wahrnehmung unerquicklicher Umstände durchaus Unterschiede machen kann, da die Erfahrung lehre, so lehrt uns Wurffbain, dass leichter Alkohol unter Starksonne zu einem wie immer gearteten Rausch führt, welcher Langeweile, Angst und mögliche Gefahren angenehmer bewältigen lässt.
Entlang des 36. Breitengrads verlief der Kurs direkt nach Osten, und zwar solange, bis man mit dem Südostpassat nördlich Richtung Sundastraße fahren konnte. Auf der eingeschlagenen Südroute war der Seeweg zwar länger, die Reisedauer aber kürzer, was an fortwährend günstigen und kontinuierlichen Westwinden lag. Man hatte den Strom mit sich und mit Strom also auch Gottes Beistand. Der Kapitän hatte aus der geloggten Fahrt des Schiffes abzuleiten, was astronomisch noch nicht bestimmbar war. Chronometer gab es damals nicht, man war auf Vermutung und Intuition angewiesen, jeder Fehler kostete auf den Meeren gigantische Umwege, und wer im Osten zu spät nach Norden drehte, konnte, wie einst Dirck Hartogs mit seinem Schiff Eendracht sechzehn Jahre vor Wurffbains Reise, die Westküste eines von niemandem zuvor erblickten „Südlands“ entdecken, das heute unter dem Namen Australien bekannt ist.
Nach vier Monaten, siebzehn Tagen Reise und achtundzwanzigtausend Meereskilometern ankerte die Zutphen, auf der Wurffbain Hitze, Kälte, Skorbut und üble Strafexzesse erlebt hatte, schließlich vor Batavia, ehe drei Wochen später die beiden anderen Schiffe der Flottille, die ‚Delfthaven‘ und die ‚Löwin‘ eintrafen. Stolz ist nicht herauszuhören, aber Wurffbain vermerkt durchaus erfreut, als habe er selbst etwas damit zu tun, dass die Zutphen den Weg von Texel nach Batavia zwar mit vier Toten und fünfzehn Scharbock-Kranken, aber ganze eineinhalb Monate schneller als gewöhnlich zu schaffen vermocht habe.
Batavia war das Drehkreuz des Ostens, die zweite Zentrale der Companie nach Amsterdam, der Name die lateinische Version der Niederlande, Bata-via, gut zehn Jahre zuvor gegründet von Jan Pieterszoon Coen, dem genialen Strategen und brutalen Schlächter, der die Orang Kaya genannten Häuptlinge zahlreicher Stämme auf den Molukken hatte köpfen lassen und mit einem ökonomischen wie militärischen Genius das Handelsnetz der Companie im Fernen Osten so gut wie allein aufgezogen hatte. Alle Schiffe aus der Heimat müssen, wo auch immer sie vorher waren (an der indischen Koromandelküste oder in Persien etwa) letztlich immer nach Batavia, und jeder, der im Dienst der Companie stand, kam nach Batavia und retournierte von Batavia aus, alle Angestellten im Dienst der Companie wurden hier registriert, eine strenge, pedantische, mit Bürokratie, was, wie ich mit großer Gelassenheit anmerken möchte, nicht im entferntesten zur Kultur der Einheimischen passt, die die Niederländer mit einem heute anstößigen Wort „Mohren“ nannten, was ich hier trotz aller Versuche mancher Sprachwächter zur nachträglichen Zensur und Klitterung historischer Originalität, absolut standesgemäß wiedergebe, denn auch Wurffbain schreibt von den „Mohren“, wenn er sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegt, was, in meiner Übersetzung zeitgenössischer Sprache, wie folgt gelautet haben könnte:
Ich bewundere Batavia mit seinen vielen schönen steinernen Häusern. Es gibt Kirchen und Kontore und alles ist, wie in Amsterdam, mit angelegten Grachten durchzogen. An der Seite der geraden Gassen stehen Kokosnusspalmen. Die Stadt wirkt sauber, mit gesunden Gärten, gegenüber dem Morast und Sumpf außerhalb. Zwischen Reede und Kastell hat man ein Stauwehr gebaut, damit die Zubringerschiffe sicher auf ausreichend Wasser Richtung Meer fahren können. Die Bürger von Batavia sind teils Inder, teils Europäer, darunter, vor allem im Feldbau und Handelsgewerbe, auch Chinesen, die erfahren sind und ihre Arbeit sorgsam erledigen. Allerdings sind sie begeisterte Würfelspieler und manche verlieren Hab und Gut, Weib und Kind. Sie erkaufen sich eine Lizenz zum Spiel, und wenn sie trotzdem beim Spielen erwischt werden, ist die Strafe nicht gering. Aber sie spielen, und lieber verlassen sie Batavia als dass sie nicht mehr spielen können. Die einheimischen Mohren sind allesamt Mohammedaner, großgewachsene, starke, von Gemüt aber hartnäckige und boshafte Menschen, absonderlich im Krieg, da sie im Übermaß Opium konsumieren, um dadurch umso erhitzter und radikaler zu sein, was oftmals in verstörenden Attacken endet. Sie rufen Amoc! Amoc! und laufen besinnungslos, mit Gewehren, Musketen oder kleinem Geschütz, aber auch mit Schwertern direkt in den Gegner, dem sie auch Spieße in die Leiber rammen. Ihre Oberkörper sind nackt, auf dem Kopf haben sie Bänder oder Kappen, vom Nabel abwärts tragen sie Baumwollkleider.
Ich darf Wurffbains Schilderung an dieser Stelle unterbrechen und unverdächtige Quellen der akademischen Forschung zu Rate ziehen. Das Wort Amok, heißt es etwa in Schriften der Gesellschaft zu psychosozialer Gesundheit, leitet sich vom Kriegsgeschrei der sogenannten Amucos ab. Diese Elitekrieger im hinduistischen Indien verpflichteten sich ihrem König gegenüber rituell zum bedingungslosen Kampf bis zum Tod. Gegner vermieden daher, den König zu töten oder zu verletzen, um nicht der bedingungslosen Rache der Amucos anheimzufallen. Ansehen und Macht eines Königs waren abhängig von der Anzahl derartiger Kämpfer. Malaiische und javanische Krieger übernahmen den indischen Begriff und das einschüchternde Kriegsgeschrei ‚Amok! Amok!’ Im Zuge der Islamisierung des malaiisch-indonesischen Kulturkreises im 14. Jahrhundert wurde der Amoklauf gegen „Ungläubige“ zu einem Akt religiösen Fanatismus und der so gefundene Tod galt im Gegensatz zum Muslimen verbotenen Suizid als Allah wohlgefällig.... Etwa zeitgleich zum Amok als militärische Strategie traten im malaiisch-indonesischen Kulturkreis auch individuelle Amokläufe auf. Zum Beispiel versuchten sich zahlungsunfähige Schuldner ihrer unweigerlich drohenden Versklavung dadurch zu entziehen, dass sie so lange töteten, bis sie selbst getötet wurden. Dies war auch eine Form des sozialen Protestes, denn die Drohung eines Amoklaufes bei grober Ungerechtigkeit hielt Machtmissbrauch von Herrschern und Reichen in gewissen Schranken.“
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubte man, dass Amokläufer ihre Taten nur im Vollrausch begingen. In Meyers Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1888 heißt es wörtlich: Amucklaufen (Amoklaufen, vom javan. Wort amoak, töten), eine barbarische Sitte unter mehreren malaiischen Volksstämmen, zum Beispiel auf Java, besteht darin, dass durch Genuss von Opium bis zur Raserei Berauschte, mit einem Kris (Dolch) bewaffnet, sich auf die Straßen stürzen und jeden, dem sie begegnen, verwunden oder töten, bis sie selbst getötet oder doch überwältigt werden.)
Ich kenne zwei Kirchen in der Stadt, fährt Wurffbain in dem durch seinen Sohn Paul vermittelten und mir vorliegenden Text fort, eine der Kirchen ist sogar aus Stein erbaut. Jeden Sonntag wird darin zweimal und jeden Werktag einmal auf niederländisch gepredigt. Die andere Kirche ist hölzern und überaus schlicht, dort wird in französischer, portugiesischer und malaiischer Sprache für die indischen Christen gepredigt, denen wir ja die reformierte Religion lehren. Am Ende folgt der Katechismus mit etlichen Psalmen, die in malaiischer Sprache gesungen werden. Insgesamt hat Gott hier für große Fruchtbarkeit gesorgt, Rind, Büffel, Gans, Fasan, Huhn, Ente, Fisch, dazu Baumfrüchte, Reis, Zwiebel, Knoblauch, Zitronen, Orangen und viele andere in unserer Heimat unbekannte Früchte. Im Fluss von Batavia finden sich Krokodile, einige von uns sind bei der Durchquerung bereits zu Tode gekommen. Tiger laufen bis an das Kastell und vergehen sich bei Tag wie Nacht an Mensch und Tier. Manche von uns sitzen auf hohen Bäumen und halten Wache in der Nacht. Sie graben Gruben mit spitzen Eisen, die wir mit Erde zuschütten, um mit dem Aas die Tiger anzulocken und schließlich zu fangen.
Weitere Kapitel:

Wurffbain, so stelle ich es mir vor, stand immer in der zweiten Reihe, orientierte sich aber nach oben. Er suchte die Nähe des Oberkaufmanns, nicht die der Matrosen. Jeder herausgeschrieene Befehl erschütterte ihn, jeder Fluch kroch ihm unter die Haut, aber er würde der Letzte sein, den man für Ungehorsam bestrafen musste, nur weil er in einem Eck des Zwischendecks saß und einen Bleistift anspitzte, um seine persönlichen Beobachtungen und Gedanken zu Papier zu bringen, die wie folgt gelautet haben:
Ich habe keinen Skorbut, dank Gottes Gnade, aber wer weiß, wann es auch mich erwischt. Bei den anderen fault das Zahnfleisch. Ihr Atem stinkt furchterregend. Ihre Beine sind übersät mit Beulen. Überall Flecken auf der Haut. Man kann ihre Zähne mit bloßen Fingern aus dem Mund klauben. Den ganzen Tag sind sie träge. Ihre engen Brustkörbe vibrieren, sie hecheln. Manche husten und glauben, sie ersticken. Einige sind bereits wahnsinnig. Keiner kann dem Schiff entkommen, wir sind in einer hölzernen Hölle. Gestern sah ich einen Matrosen vom Mast fallen und einen anderen über Bord gehen. Stirbt einer, gibt es eine kurze Zeremonie, dann wird die Leiche dem Meer übergeben. Tote Matrosen sind in ein Stück Segel eingewickelt, tote Offiziere werden in Kisten entsorgt und rutschen, mit Kugeln oder Sand beschwert, über ein Brett in den Ozean. Wir nehmen die die südliche Route, da die nördliche, die sogenannte portugiesische, längs der Küste von Südafrika und Madagaskar führt. Die westlichen Strömungen sind stark und gefährlich, die veränderlichen Winde wie die Windstillen auf den unteren Breiten eine unkalkulierbare Bedrohung für jedes Schiff, dazu kommen die zeitweise große Hitze, ferner die Riffe und dann, keinesfalls zu vergessen, die von Nordost nach Südost laufenden Orkane westlich wie östlich der Maskarenen im Indischen Ozean. Sobald spanische Gefilde erreicht werden, wird einer ins Meer getaucht oder zumindest fröhlich mit Meerwasser begossen, aber bei uns war es anders. Am Tag, als wir dort einfuhren, gab es den ersten Toten an Bord. Ein Kannonier. Niemand wusste, woran er starb. Auf dem Schiff kann der Tod schnell passieren, wenn einen die Hitze erschlägt.
Am 23. April sahen wir die Insel Porto Santo, tags darauf Madeira, die Tage später die Kanaren und am 2. Mai die Kapverden, wo die aus Portugal verstoßenen Mörder leben. Mit ihnen verhandelten wir frisches Wasser gegen Hühner, Rind und anderes Vieh von unserem Schiff. Alle bekamen ein halbes Pfund Meerrettich zur Erfrischung, am Tag darauf zehn Haken mit Garn, um selbst auf gut Glück zu fischen. Unser Schiff wurde mit Essig gereinigt, dann starb der Handelsdiener Wilhelm Donker van der Goude auf der geografischen Breite Null. Am 5. Juni schifften wir über den Tropicus Capricorni, den südlichen ‚Wendekreis des Steinbocks’, als aufs neue einer starb, namentlich Johann Sipkes, Quartiermeister der Schiffsgesellen, Bruder des Obersteuermanns. Drei Tage später wurden fünf Schiffe hinter uns gemeldet. Niemand wusste genau, ob Freund oder Feind unterwegs war, weshalb der General die weiße Fahne aufstecken und ein Geschütz abfeuern ließ, während sich alle auf eine tätliche Auseinandersetzung vorbereiteten. Beschlossen wurde die Änderung der Route, und zwar bei hereinbrechender Nacht, ein beträchtlicher Umweg, um Gefahren aus dem Weg zu gehen. Am 24. Juni brach Kälte herein und würde vermutlich Wochen andauern, weshalb die Rationen verringert wurden: nur noch drei Fünftel Maß Bier pro Tag pro Person, zur Frühkost 0,1 Liter Wermut, nachts 0,1 Liter spanischen Wein. Mangel an Bier und Süßwasser gab es nicht, der Krankenstand war gering, besondere Erfrischungen waren ja kaum nötig, der Oberkaufmann, der das Kommando hat, fand es sinnlos, am nahgelegenen Kap der Guten Hoffnung festzumachen, so sparten wir wertvolle Zeit. Bisher hatte Gott uns bequemes Wetter beschert, die Gelegenheit wollte genutzt sein, weshalb wir geradewegs Richtung Java weiterfuhren. Fünf Tage später wurde unser General von kaltem Fieber erfasst, das ihn acht Tage später wieder verließ. Der weitere Juli verlief ruhig.
Wurffbain, der, so stelle ich es mir vor, seine Notizen eher in der Jackeninnentasche als in seiner Kiste verstaute, war zu diesem Moment fünf Monate auf See. Zur Hälfte der Hinreise, östlich des Kaps der Guten Hoffnung, hatten sie, so schien es, das Schlimmste hinter sich gebracht, Winde, Stürme, Tote, und sie erwarteten unter Aufsicht Gottes eine vergleichsweise kurze Restreise weiter nach Batavia. Nur das Bier war ausgegangen, weshalb sie mit Süßwasser vorlieb zu nehmen hatten, wie Wurffbain seinen Sohn Paul Jahre später notieren lässt (dessen Notizen mir ja heute vorliegen), was hinsichtlich der Wahrnehmung unerquicklicher Umstände durchaus Unterschiede machen kann, da die Erfahrung lehre, so lehrt uns Wurffbain, dass leichter Alkohol unter Starksonne zu einem wie immer gearteten Rausch führt, welcher Langeweile, Angst und mögliche Gefahren angenehmer bewältigen lässt.
Entlang des 36. Breitengrads verlief der Kurs direkt nach Osten, und zwar solange, bis man mit dem Südostpassat nördlich Richtung Sundastraße fahren konnte. Auf der eingeschlagenen Südroute war der Seeweg zwar länger, die Reisedauer aber kürzer, was an fortwährend günstigen und kontinuierlichen Westwinden lag. Man hatte den Strom mit sich und mit Strom also auch Gottes Beistand. Der Kapitän hatte aus der geloggten Fahrt des Schiffes abzuleiten, was astronomisch noch nicht bestimmbar war. Chronometer gab es damals nicht, man war auf Vermutung und Intuition angewiesen, jeder Fehler kostete auf den Meeren gigantische Umwege, und wer im Osten zu spät nach Norden drehte, konnte, wie einst Dirck Hartogs mit seinem Schiff Eendracht sechzehn Jahre vor Wurffbains Reise, die Westküste eines von niemandem zuvor erblickten „Südlands“ entdecken, das heute unter dem Namen Australien bekannt ist.
Nach vier Monaten, siebzehn Tagen Reise und achtundzwanzigtausend Meereskilometern ankerte die Zutphen, auf der Wurffbain Hitze, Kälte, Skorbut und üble Strafexzesse erlebt hatte, schließlich vor Batavia, ehe drei Wochen später die beiden anderen Schiffe der Flottille, die ‚Delfthaven‘ und die ‚Löwin‘ eintrafen. Stolz ist nicht herauszuhören, aber Wurffbain vermerkt durchaus erfreut, als habe er selbst etwas damit zu tun, dass die Zutphen den Weg von Texel nach Batavia zwar mit vier Toten und fünfzehn Scharbock-Kranken, aber ganze eineinhalb Monate schneller als gewöhnlich zu schaffen vermocht habe.
Batavia war das Drehkreuz des Ostens, die zweite Zentrale der Companie nach Amsterdam, der Name die lateinische Version der Niederlande, Bata-via, gut zehn Jahre zuvor gegründet von Jan Pieterszoon Coen, dem genialen Strategen und brutalen Schlächter, der die Orang Kaya genannten Häuptlinge zahlreicher Stämme auf den Molukken hatte köpfen lassen und mit einem ökonomischen wie militärischen Genius das Handelsnetz der Companie im Fernen Osten so gut wie allein aufgezogen hatte. Alle Schiffe aus der Heimat müssen, wo auch immer sie vorher waren (an der indischen Koromandelküste oder in Persien etwa) letztlich immer nach Batavia, und jeder, der im Dienst der Companie stand, kam nach Batavia und retournierte von Batavia aus, alle Angestellten im Dienst der Companie wurden hier registriert, eine strenge, pedantische, mit Bürokratie, was, wie ich mit großer Gelassenheit anmerken möchte, nicht im entferntesten zur Kultur der Einheimischen passt, die die Niederländer mit einem heute anstößigen Wort „Mohren“ nannten, was ich hier trotz aller Versuche mancher Sprachwächter zur nachträglichen Zensur und Klitterung historischer Originalität, absolut standesgemäß wiedergebe, denn auch Wurffbain schreibt von den „Mohren“, wenn er sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegt, was, in meiner Übersetzung zeitgenössischer Sprache, wie folgt gelautet haben könnte:
Ich bewundere Batavia mit seinen vielen schönen steinernen Häusern. Es gibt Kirchen und Kontore und alles ist, wie in Amsterdam, mit angelegten Grachten durchzogen. An der Seite der geraden Gassen stehen Kokosnusspalmen. Die Stadt wirkt sauber, mit gesunden Gärten, gegenüber dem Morast und Sumpf außerhalb. Zwischen Reede und Kastell hat man ein Stauwehr gebaut, damit die Zubringerschiffe sicher auf ausreichend Wasser Richtung Meer fahren können. Die Bürger von Batavia sind teils Inder, teils Europäer, darunter, vor allem im Feldbau und Handelsgewerbe, auch Chinesen, die erfahren sind und ihre Arbeit sorgsam erledigen. Allerdings sind sie begeisterte Würfelspieler und manche verlieren Hab und Gut, Weib und Kind. Sie erkaufen sich eine Lizenz zum Spiel, und wenn sie trotzdem beim Spielen erwischt werden, ist die Strafe nicht gering. Aber sie spielen, und lieber verlassen sie Batavia als dass sie nicht mehr spielen können. Die einheimischen Mohren sind allesamt Mohammedaner, großgewachsene, starke, von Gemüt aber hartnäckige und boshafte Menschen, absonderlich im Krieg, da sie im Übermaß Opium konsumieren, um dadurch umso erhitzter und radikaler zu sein, was oftmals in verstörenden Attacken endet. Sie rufen Amoc! Amoc! und laufen besinnungslos, mit Gewehren, Musketen oder kleinem Geschütz, aber auch mit Schwertern direkt in den Gegner, dem sie auch Spieße in die Leiber rammen. Ihre Oberkörper sind nackt, auf dem Kopf haben sie Bänder oder Kappen, vom Nabel abwärts tragen sie Baumwollkleider.
Ich darf Wurffbains Schilderung an dieser Stelle unterbrechen und unverdächtige Quellen der akademischen Forschung zu Rate ziehen. Das Wort Amok, heißt es etwa in Schriften der Gesellschaft zu psychosozialer Gesundheit, leitet sich vom Kriegsgeschrei der sogenannten Amucos ab. Diese Elitekrieger im hinduistischen Indien verpflichteten sich ihrem König gegenüber rituell zum bedingungslosen Kampf bis zum Tod. Gegner vermieden daher, den König zu töten oder zu verletzen, um nicht der bedingungslosen Rache der Amucos anheimzufallen. Ansehen und Macht eines Königs waren abhängig von der Anzahl derartiger Kämpfer. Malaiische und javanische Krieger übernahmen den indischen Begriff und das einschüchternde Kriegsgeschrei ‚Amok! Amok!’ Im Zuge der Islamisierung des malaiisch-indonesischen Kulturkreises im 14. Jahrhundert wurde der Amoklauf gegen „Ungläubige“ zu einem Akt religiösen Fanatismus und der so gefundene Tod galt im Gegensatz zum Muslimen verbotenen Suizid als Allah wohlgefällig.... Etwa zeitgleich zum Amok als militärische Strategie traten im malaiisch-indonesischen Kulturkreis auch individuelle Amokläufe auf. Zum Beispiel versuchten sich zahlungsunfähige Schuldner ihrer unweigerlich drohenden Versklavung dadurch zu entziehen, dass sie so lange töteten, bis sie selbst getötet wurden. Dies war auch eine Form des sozialen Protestes, denn die Drohung eines Amoklaufes bei grober Ungerechtigkeit hielt Machtmissbrauch von Herrschern und Reichen in gewissen Schranken.“
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubte man, dass Amokläufer ihre Taten nur im Vollrausch begingen. In Meyers Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1888 heißt es wörtlich: Amucklaufen (Amoklaufen, vom javan. Wort amoak, töten), eine barbarische Sitte unter mehreren malaiischen Volksstämmen, zum Beispiel auf Java, besteht darin, dass durch Genuss von Opium bis zur Raserei Berauschte, mit einem Kris (Dolch) bewaffnet, sich auf die Straßen stürzen und jeden, dem sie begegnen, verwunden oder töten, bis sie selbst getötet oder doch überwältigt werden.)
Ich kenne zwei Kirchen in der Stadt, fährt Wurffbain in dem durch seinen Sohn Paul vermittelten und mir vorliegenden Text fort, eine der Kirchen ist sogar aus Stein erbaut. Jeden Sonntag wird darin zweimal und jeden Werktag einmal auf niederländisch gepredigt. Die andere Kirche ist hölzern und überaus schlicht, dort wird in französischer, portugiesischer und malaiischer Sprache für die indischen Christen gepredigt, denen wir ja die reformierte Religion lehren. Am Ende folgt der Katechismus mit etlichen Psalmen, die in malaiischer Sprache gesungen werden. Insgesamt hat Gott hier für große Fruchtbarkeit gesorgt, Rind, Büffel, Gans, Fasan, Huhn, Ente, Fisch, dazu Baumfrüchte, Reis, Zwiebel, Knoblauch, Zitronen, Orangen und viele andere in unserer Heimat unbekannte Früchte. Im Fluss von Batavia finden sich Krokodile, einige von uns sind bei der Durchquerung bereits zu Tode gekommen. Tiger laufen bis an das Kastell und vergehen sich bei Tag wie Nacht an Mensch und Tier. Manche von uns sitzen auf hohen Bäumen und halten Wache in der Nacht. Sie graben Gruben mit spitzen Eisen, die wir mit Erde zuschütten, um mit dem Aas die Tiger anzulocken und schließlich zu fangen.