Geschrei und Gebrüll von morgens bis abends
Wurffbain wurde angenommen. Schmerzhaft für ihn war durchaus, dass er als Adelborst eingestellt wurde, der niedrigste Rang eines Soldaten, da die Kaufmannsstellen bereits vergeben waren und in die höheren Ränge ohnehin nur Patrioten, also Niederländer, kamen. Und nun war Wurffbain ‚Adelborst’, eine Art Kadett, mehr nicht, aber immerhin war das besser als nicht einmal Adelborst, sondern abgewiesener Anwärter. Sollte er ablehnen? Ich sehe ihn mit sich ringen, allein, auf sich gestellt, denn Vater Leonhart war weit entfernt in Nürnberg, und in Amsterdam kannte Wurffbain ja niemanden, und bevor sich hier, in Amsterdam, Kameradschaften ausbilden konnten, war jeder des Anderen Konkurrent und Feind, der den jeweils anderen immer eng im Augenwinkel hatte. Wurffbain mahnte sich zu Geduld, er würde schon sehen, was passierte, bei der Companie gab es ja immer Aufstiegsmöglichkeiten, und später, vielleicht in Batavia, der neugegründeten Hauptstadt von Niederländisch-Indien auf der Insel Java, wohin jedes Schiff aus Amsterdam zuerst steuerte und von der jedes Schiff nach Amsterdam ablegte, würde er sich um den Posten des Oberkaufmanns bewerben.
Er leistete sämtliche Eidespflichten, und am Tag danach verteilten sich unter dem Kommando des Sergeanten Schnuck von Schwoll 84 Männer, darunter Wurffbain, in kleine Boote, um am selben Abend nach Texel, wo die Schiffe der Flotte in der tief eingedellten Bucht nördlich von Amsterdam auf Reede lagen, abzufahren. Der Hafen mit seinen Hunderten von Schiffen und Masten war in Sichtweite, doch dann verzögerte sich aus für Wurffbain unerfindlichen Gründen die Abfahrt (womöglich herrschte zu viel Verkehr, vielleicht gab es eine Art Streik der Lotsen, vornehmlich aber, so nehme ich an, waren es ungünstige, will sagen: viel zu laue Winde). Die Männer verbrachten acht weitere Tage auf den kleinen Zubringerbooten, die man „Lichterschiffe“ nannte, ehe der Wind zurückkam. Später erfuhr Wurffbain, dass es nicht am Wind gelegen hatte, sondern die Arbeit am großen Ostindienfahrer noch nicht vollendet gewesen war, was die Moral hätte drücken, die Abenteuerbereitschaft enttäuschen und die Reisefreude mindern können, aber als Defätisten schätze ich Wurffbain nicht ein, vielmehr scheint er mir, so lese ich es heute aus den mir zugänglichen Dokumenten, ein geduldiger, dem Schicksal ergebener Mensch gewesen zu sein, dem jede Energie zum Aufbegehren fehlte, weil sie, durch strenge lutherische Erziehung, wie ich annehme, zu einer Angelegenheit des Gewissens und der Ausübung praktischer Vernunft sublimiert worden war.
Eine Woche später war der Ostindienfahrer Zutphen zum Auslauf bereit. 50 Meter lang, 1650 Tonnen schwer, 21,5 Schuh tief, 30 Messing- und Eisengeschütze, darunter fünf halbe Carthaunen, eine Menge anderes brauchbares Kriegsschiffszeug sowie Nahrungsmittel und Getränke an Bord. Der Kiel: 182 Meter lang, zwei Meter dick; der Schiffsbauch 42 Meter breit, die unterste Etage mit den Waren siebzehn und die Zwischendecks 5 bis 7 Meter hoch. Der große Mastbaum ragte 170 Meter auf, der große Anker wog 3800 Kilogramm, das Ankertau war 20 Daumen dick, der Tumult heftig. Eine übermenschliche Auf- und Erregung muss die Seeleute ergriffen haben, denn Wurffbain sah, wie die einen ihre Schiffkisten verloren, andere ihre Ausrüstung suchten, dritte ihre Kojen nicht fanden, an Deck über Kabeltaue stolperte und, waren sie bedauerlicherweise Deutsche oder Dänen, die auf niederländisch gebrüllten Befehle nicht verstanden. Einer fand schließlich seine aufgebrochene Kiste ohne Kleidung vor, die ersten wurden seekrank, an Bord gab es von morgens bis abends Gebrüll und Geschrei. Wurffbain, eine, wie ich annehme, weichbesaitete Seele, eher von einfühlender denn austeilender Art, musste zusehen, wie die Schiffer betrunken an Bord kamen und innerhalb der nächsten halben Stunde zwei erfahrene Matrosen durchprügeln ließen, weshalb ihm, das halte ich nicht für ausgeschlossen, trotz kurzfristigem Gebet erste Zweifel kamen, ob er wirklich gut daran getan hatte, für ganze fünf Jahre Dienst bei der Companie anzuheuern.
Am 5. April bequemte der Wind sich also, günstig zu stehen zu, und der künftige und von den Siebzehn Herren für die folgenden vier Jahre als Generalgouverneur von Niederländisch-Indien berufene Hendrik Brouwer kam nicht allein, sondern mit Frau, Tochter und zwei Dienstmägden an Bord. Des weiteren bestiegen das Schiff 4 Barbiere, 85 Soldaten, 2 Proviantmeister, 2 Köche, 3 Segelmacher, 5 Zimmerleute, 2 Schmiede, 2 Büttner, 2 Constabels, 30 Kannoniere, 107 Schiffsgesellen oder Bootsknechte, 1 Profoß, 1 Vorbeter, 4 Handelsdiener, 4 Steuerleute, der Sekretarius, der Schiffer, der Kaufmann, und sage und schreibe 36 Buben wofür auch immer. Nach abermaliger Prüfung wurde alles in bester Ordnung befunden, und der Prediger schwang sich auf, die Herrlichkeit Gottes zu verkünden, Psalm 119, Vers 9: „Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln! Wohl denen, die sich an seine Zeugnisse halten, die ihn von ganzem Herzen suchen/ die auf seinen Wegen wandeln und kein Unrecht tun.“
Nach allem, was ich bis dahin wusste, könnte sich Wurffbain angesichts der Predigt durchaus gefragt haben, wie ein Jüngling seinen Weg durch die Verlockungen der irdischen Welt zum Bösen und Verderblichen moralisch und ethisch einwandfrei, also ohne Schuld und Strafe gehen kann, was hinsichtlich der Schrecklichkeiten, die in den folgenden Jahren auf ihn zukommen würden, eine nicht nur theologische Angelegenheit war.
Der Schiffer, heute würde man ihn Kapitän nennen, hielt eine Ansprache, die Segel wurden gehisst, der Anker gelichtet, mit Salutschüssen nahm man Abschied, und weil alle Schiffe, die auf zügigen Wind gewartet hatten, auf einmal zugleich ablegen wollten, fuhren die Fluiten, die kleinen Zubringer, kreuz und quer zu den Ostindienfahrern, und rammten einander im plötzlich heftigen Wellengang des Hafens. Der Anker wurde gehoben, und ehe der Abend hereinbrach, lief die ‚Zutphen‘, begleitet von den beiden Schiffen ‚Löwin‘ und ‚Delftshaven‘ durch den ‚Spanischen Grat’ nordnordwest- südsüdost an den sich permanent verschiebenden Wanderbänken vor der Insel Terschelling vorbei ins offene Meer aus. Zwei Tage später sah Wurffbain England auf der rechten Seite, und spätestens jetzt war für den Kapitän der geeignete Zeitpunkt gekommen, die Hausordnung zu verlesen. Jeder Reisende, zumindest „das gemeine Volk“, wie es hieß, darunter ja auch Wurffbain, habe für die gesamte Reise von acht Monaten fünf Holländische Käse zur Verfügung; in jeder Woche bekomme jeder ein halbes Pfund Butter und vier Pfund Biskuit oder Zwieback dazu, des weiteren täglich 0,75 Liter Bier, sowie gelegentlich 0,1 Liter französischen, mit Wermut vermischten Wein. Zum Frühstück in der Gruppe gebe es eine hölzerne Schüssel mit Zwetschgen, Rosinen und in Butter gekochter Gerste, mittags Erbsen, Bohnen oder Hirse mit Butter. Sonn- wie donnerstags jeweils fünf Pfund gesalzenes Rind, dienstags 3 Pfund gesalzenes Schwein, und freitag- wie sonntagabends jeweils 2 Pfund Stockfisch.
Wurffbain, denke ich, fügte sich allem, ertrug Witze, Kalauer und Flüche unter den Matrosen, parierte Gotteslästerung, Schimpftiraden und Häme. Er vernahm deutliche Rufe und folgte kurzen, klaren, knackig vorgebrachten Befehlen, ansonsten erlebte er Schikanen, Diebstähle und strategische Kameradschaften. Soldaten beschimpften Matrosen als Teerjacken, Mastenhansel, Teufel und Hottentotten; Matrosen beleidigten die Soldaten als Strangbolzen, Bockfüße, Echsen und Schlangenhäute. Erfahrene Seeleute sagten das Wetter vorher, erklärten den Jüngeren die Magie der Fata Morgana und die Gründe für das „Elmsfeuer“, die elektrische Entladung an den Mastspitzen, deren Leuchten Wufffbain noch nie gesehen hatte. Für Verstöße und Übertretungen wie Fluchen, Würfeln, Kartenspielen, Trinken, Streiten und für grundsätzlichen Ungehorsam wurden harte Strafen verhängt (wie es im alle paar Wochen vorgelesenen Artikelbrief, einer Art Verfassung, für jeden offenbar wurde). Der Große Rat, eine Kommission von Schiffsoffizieren, sprach Recht an Bord, und Wurffbain verstand, dass Geldbußen zwar schmerzhafte Strafen waren, dass aber weit schmerzhafter das „Laarzen“ war, wenn dem Delinquenten mit einem Stück geteerten Tau auf den vom aufspritzenden Meerwasser nassen und nackten Körper geschlagen wurde. Dazu kamen: Spießrutenlaufen, Arrest und das sogenannten Rahfallen, wobei Verurteilte von der großen Rah in die See geworfen und gelegentlich wieder heraufgeholt wurde. Auf Meuterei und Sodomie folgte sogleich die Todesstrafe. Kam ein Sturm, war die Notdurftverrichtung an Oberdeck kaum möglich, weshalb sich alle auf Zwischendeck erleichterten. Wurde einer dabei durchnässt, hatte er Pech. Wechselkleidung gab es nicht. Auch Wurffbain spürte irgendwann die stille Macht der Läuse, tausende, weiße, kleine Tiere in den Hemden, die, wie es hieß, wie die Teufel bissen.
An Bord der Schiffe gab es keinerlei Privatsphäre, unaufhörlich hörte Wurffbain Schritte, Stimmen, Befehle, schlagende Segel und knarzende Masten, während der Wind durch die Takelage schlug. Fror man in der Kälte der Nordsee, schwitzte man in der schwülen Hitze am Äquator. Ohne Kleidung verbrannte die Haut, und wer Salzwasser trank, verbrannte von innen. Nach dem Morgengebet aß Wurffbain Gerstengrütze mit getrockneten Pflaumen und mittags um zwölf ein paar Kellen Eintopf aus gekochten Erbsen oder Bohnen mit Öl und Fett. Abends gab es die Reste des Mittagsessens und manchmal Bier und Brot, das diejenigen nicht kauen konnten, denen der Skorbut bereits die Zähne geraubt hatte.
Weitere Kapitel:
Wurffbain wurde angenommen. Schmerzhaft für ihn war durchaus, dass er als Adelborst eingestellt wurde, der niedrigste Rang eines Soldaten, da die Kaufmannsstellen bereits vergeben waren und in die höheren Ränge ohnehin nur Patrioten, also Niederländer, kamen. Und nun war Wurffbain ‚Adelborst’, eine Art Kadett, mehr nicht, aber immerhin war das besser als nicht einmal Adelborst, sondern abgewiesener Anwärter. Sollte er ablehnen? Ich sehe ihn mit sich ringen, allein, auf sich gestellt, denn Vater Leonhart war weit entfernt in Nürnberg, und in Amsterdam kannte Wurffbain ja niemanden, und bevor sich hier, in Amsterdam, Kameradschaften ausbilden konnten, war jeder des Anderen Konkurrent und Feind, der den jeweils anderen immer eng im Augenwinkel hatte. Wurffbain mahnte sich zu Geduld, er würde schon sehen, was passierte, bei der Companie gab es ja immer Aufstiegsmöglichkeiten, und später, vielleicht in Batavia, der neugegründeten Hauptstadt von Niederländisch-Indien auf der Insel Java, wohin jedes Schiff aus Amsterdam zuerst steuerte und von der jedes Schiff nach Amsterdam ablegte, würde er sich um den Posten des Oberkaufmanns bewerben.
Er leistete sämtliche Eidespflichten, und am Tag danach verteilten sich unter dem Kommando des Sergeanten Schnuck von Schwoll 84 Männer, darunter Wurffbain, in kleine Boote, um am selben Abend nach Texel, wo die Schiffe der Flotte in der tief eingedellten Bucht nördlich von Amsterdam auf Reede lagen, abzufahren. Der Hafen mit seinen Hunderten von Schiffen und Masten war in Sichtweite, doch dann verzögerte sich aus für Wurffbain unerfindlichen Gründen die Abfahrt (womöglich herrschte zu viel Verkehr, vielleicht gab es eine Art Streik der Lotsen, vornehmlich aber, so nehme ich an, waren es ungünstige, will sagen: viel zu laue Winde). Die Männer verbrachten acht weitere Tage auf den kleinen Zubringerbooten, die man „Lichterschiffe“ nannte, ehe der Wind zurückkam. Später erfuhr Wurffbain, dass es nicht am Wind gelegen hatte, sondern die Arbeit am großen Ostindienfahrer noch nicht vollendet gewesen war, was die Moral hätte drücken, die Abenteuerbereitschaft enttäuschen und die Reisefreude mindern können, aber als Defätisten schätze ich Wurffbain nicht ein, vielmehr scheint er mir, so lese ich es heute aus den mir zugänglichen Dokumenten, ein geduldiger, dem Schicksal ergebener Mensch gewesen zu sein, dem jede Energie zum Aufbegehren fehlte, weil sie, durch strenge lutherische Erziehung, wie ich annehme, zu einer Angelegenheit des Gewissens und der Ausübung praktischer Vernunft sublimiert worden war.
Eine Woche später war der Ostindienfahrer Zutphen zum Auslauf bereit. 50 Meter lang, 1650 Tonnen schwer, 21,5 Schuh tief, 30 Messing- und Eisengeschütze, darunter fünf halbe Carthaunen, eine Menge anderes brauchbares Kriegsschiffszeug sowie Nahrungsmittel und Getränke an Bord. Der Kiel: 182 Meter lang, zwei Meter dick; der Schiffsbauch 42 Meter breit, die unterste Etage mit den Waren siebzehn und die Zwischendecks 5 bis 7 Meter hoch. Der große Mastbaum ragte 170 Meter auf, der große Anker wog 3800 Kilogramm, das Ankertau war 20 Daumen dick, der Tumult heftig. Eine übermenschliche Auf- und Erregung muss die Seeleute ergriffen haben, denn Wurffbain sah, wie die einen ihre Schiffkisten verloren, andere ihre Ausrüstung suchten, dritte ihre Kojen nicht fanden, an Deck über Kabeltaue stolperte und, waren sie bedauerlicherweise Deutsche oder Dänen, die auf niederländisch gebrüllten Befehle nicht verstanden. Einer fand schließlich seine aufgebrochene Kiste ohne Kleidung vor, die ersten wurden seekrank, an Bord gab es von morgens bis abends Gebrüll und Geschrei. Wurffbain, eine, wie ich annehme, weichbesaitete Seele, eher von einfühlender denn austeilender Art, musste zusehen, wie die Schiffer betrunken an Bord kamen und innerhalb der nächsten halben Stunde zwei erfahrene Matrosen durchprügeln ließen, weshalb ihm, das halte ich nicht für ausgeschlossen, trotz kurzfristigem Gebet erste Zweifel kamen, ob er wirklich gut daran getan hatte, für ganze fünf Jahre Dienst bei der Companie anzuheuern.
Am 5. April bequemte der Wind sich also, günstig zu stehen zu, und der künftige und von den Siebzehn Herren für die folgenden vier Jahre als Generalgouverneur von Niederländisch-Indien berufene Hendrik Brouwer kam nicht allein, sondern mit Frau, Tochter und zwei Dienstmägden an Bord. Des weiteren bestiegen das Schiff 4 Barbiere, 85 Soldaten, 2 Proviantmeister, 2 Köche, 3 Segelmacher, 5 Zimmerleute, 2 Schmiede, 2 Büttner, 2 Constabels, 30 Kannoniere, 107 Schiffsgesellen oder Bootsknechte, 1 Profoß, 1 Vorbeter, 4 Handelsdiener, 4 Steuerleute, der Sekretarius, der Schiffer, der Kaufmann, und sage und schreibe 36 Buben wofür auch immer. Nach abermaliger Prüfung wurde alles in bester Ordnung befunden, und der Prediger schwang sich auf, die Herrlichkeit Gottes zu verkünden, Psalm 119, Vers 9: „Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln! Wohl denen, die sich an seine Zeugnisse halten, die ihn von ganzem Herzen suchen/ die auf seinen Wegen wandeln und kein Unrecht tun.“
Nach allem, was ich bis dahin wusste, könnte sich Wurffbain angesichts der Predigt durchaus gefragt haben, wie ein Jüngling seinen Weg durch die Verlockungen der irdischen Welt zum Bösen und Verderblichen moralisch und ethisch einwandfrei, also ohne Schuld und Strafe gehen kann, was hinsichtlich der Schrecklichkeiten, die in den folgenden Jahren auf ihn zukommen würden, eine nicht nur theologische Angelegenheit war.
Der Schiffer, heute würde man ihn Kapitän nennen, hielt eine Ansprache, die Segel wurden gehisst, der Anker gelichtet, mit Salutschüssen nahm man Abschied, und weil alle Schiffe, die auf zügigen Wind gewartet hatten, auf einmal zugleich ablegen wollten, fuhren die Fluiten, die kleinen Zubringer, kreuz und quer zu den Ostindienfahrern, und rammten einander im plötzlich heftigen Wellengang des Hafens. Der Anker wurde gehoben, und ehe der Abend hereinbrach, lief die ‚Zutphen‘, begleitet von den beiden Schiffen ‚Löwin‘ und ‚Delftshaven‘ durch den ‚Spanischen Grat’ nordnordwest- südsüdost an den sich permanent verschiebenden Wanderbänken vor der Insel Terschelling vorbei ins offene Meer aus. Zwei Tage später sah Wurffbain England auf der rechten Seite, und spätestens jetzt war für den Kapitän der geeignete Zeitpunkt gekommen, die Hausordnung zu verlesen. Jeder Reisende, zumindest „das gemeine Volk“, wie es hieß, darunter ja auch Wurffbain, habe für die gesamte Reise von acht Monaten fünf Holländische Käse zur Verfügung; in jeder Woche bekomme jeder ein halbes Pfund Butter und vier Pfund Biskuit oder Zwieback dazu, des weiteren täglich 0,75 Liter Bier, sowie gelegentlich 0,1 Liter französischen, mit Wermut vermischten Wein. Zum Frühstück in der Gruppe gebe es eine hölzerne Schüssel mit Zwetschgen, Rosinen und in Butter gekochter Gerste, mittags Erbsen, Bohnen oder Hirse mit Butter. Sonn- wie donnerstags jeweils fünf Pfund gesalzenes Rind, dienstags 3 Pfund gesalzenes Schwein, und freitag- wie sonntagabends jeweils 2 Pfund Stockfisch.
Wurffbain, denke ich, fügte sich allem, ertrug Witze, Kalauer und Flüche unter den Matrosen, parierte Gotteslästerung, Schimpftiraden und Häme. Er vernahm deutliche Rufe und folgte kurzen, klaren, knackig vorgebrachten Befehlen, ansonsten erlebte er Schikanen, Diebstähle und strategische Kameradschaften. Soldaten beschimpften Matrosen als Teerjacken, Mastenhansel, Teufel und Hottentotten; Matrosen beleidigten die Soldaten als Strangbolzen, Bockfüße, Echsen und Schlangenhäute. Erfahrene Seeleute sagten das Wetter vorher, erklärten den Jüngeren die Magie der Fata Morgana und die Gründe für das „Elmsfeuer“, die elektrische Entladung an den Mastspitzen, deren Leuchten Wufffbain noch nie gesehen hatte. Für Verstöße und Übertretungen wie Fluchen, Würfeln, Kartenspielen, Trinken, Streiten und für grundsätzlichen Ungehorsam wurden harte Strafen verhängt (wie es im alle paar Wochen vorgelesenen Artikelbrief, einer Art Verfassung, für jeden offenbar wurde). Der Große Rat, eine Kommission von Schiffsoffizieren, sprach Recht an Bord, und Wurffbain verstand, dass Geldbußen zwar schmerzhafte Strafen waren, dass aber weit schmerzhafter das „Laarzen“ war, wenn dem Delinquenten mit einem Stück geteerten Tau auf den vom aufspritzenden Meerwasser nassen und nackten Körper geschlagen wurde. Dazu kamen: Spießrutenlaufen, Arrest und das sogenannten Rahfallen, wobei Verurteilte von der großen Rah in die See geworfen und gelegentlich wieder heraufgeholt wurde. Auf Meuterei und Sodomie folgte sogleich die Todesstrafe. Kam ein Sturm, war die Notdurftverrichtung an Oberdeck kaum möglich, weshalb sich alle auf Zwischendeck erleichterten. Wurde einer dabei durchnässt, hatte er Pech. Wechselkleidung gab es nicht. Auch Wurffbain spürte irgendwann die stille Macht der Läuse, tausende, weiße, kleine Tiere in den Hemden, die, wie es hieß, wie die Teufel bissen.
An Bord der Schiffe gab es keinerlei Privatsphäre, unaufhörlich hörte Wurffbain Schritte, Stimmen, Befehle, schlagende Segel und knarzende Masten, während der Wind durch die Takelage schlug. Fror man in der Kälte der Nordsee, schwitzte man in der schwülen Hitze am Äquator. Ohne Kleidung verbrannte die Haut, und wer Salzwasser trank, verbrannte von innen. Nach dem Morgengebet aß Wurffbain Gerstengrütze mit getrockneten Pflaumen und mittags um zwölf ein paar Kellen Eintopf aus gekochten Erbsen oder Bohnen mit Öl und Fett. Abends gab es die Reste des Mittagsessens und manchmal Bier und Brot, das diejenigen nicht kauen konnten, denen der Skorbut bereits die Zähne geraubt hatte.