In den Pensionen der Volkshändler war es ranzig

Wurffbain traf also in Amsterdam ein, ohne zu wissen, wann das nächste Schiff nach Osten auslaufen und ob er, wenn denn eines ausliefe, von einem der oft geltungssüchtigen, schamlosen, fast immer rauhbeinigen und selten fröhlichen Kapitäne angeheuert würde, was, wenn auch dies zuträfe, ihm, Wurfffbain, wie allen anderen, die für den Dienst ausgewählt wurden, einen Lohnvorschuss brächte, von dem er zuerst einmal seinen „Seelenverkäufer“ bezahlen musste, der deswegen Seelenverkäufer genannt wurde, weil er mit „Seelen“ handelte, mit „Schuldbriefen“ also, wie es das niederländische Wort „ceel“ bezeichnete. Wer Ceele verkaufte, verkaufte vielleicht auch die Seele an das Niederträchtig-Verruchte, sicher aber verkaufte er einen für Schuld und Glauben gemünzten Wechsel auf die Zukunft, der sich erst einmal für den Verkäufer rechnete, denn kein Reisender – auch Wurffbain nicht – wusste sicher, ob er, nach Schiffbrüchen, Skorbut, Folter, Amok, Hitzschlag und Malaria, je wieder nach Amsterdam oder in seine Heimat zurückkehren würde. Seelenverkäufer waren, müsste ich es heute, im Oktober 2024 erklären, Subunternehmer einer kalten Wertschöpfungskette, die darin bestand – man kann es nicht wärmer sagen –, Menschenmaterial einzusammeln, um es möglichst massenhaft für die Companie zu verbrauchen, mit der Konsequenz, dass die von den Seelenverkäufern für die Companie angeworbenen Kaufleute oder Soldaten ihnen völlig fremde Menschen in der Ferne kurzerhand töteten oder sie um ihren Besitz zu brachten, was so oder so den Tod als wenig schmeichelhaften Voraussetzung ausweist, auf dem der Wohlstand der Niederlande und Europas gedieh und worin er womöglich bis heute wurzelt.

Auch Wurffbain ging zur Pension Stuiver in die quasi an das Ostindienhaus grenzende Oude Hoogstraat, um, wie fast alle, die aus Husum, Leipzig oder Franken nach Amsterdam kamen, darauf zu hoffen, von der Vereinigten Ostindischen Companie mit dem Versprechen auf eine feste Stelle in Lohn und Dienst genommen zu werden. Wurffbain, so stelle ich ihn mir vor, muss ein in Anstand erzogener, an bürgerlichen Manieren geschulter Mann gewesen sein, jedenfalls legen die aus der Hand seines Sohnes Paul stammenden Ausführungen der väterlichen Erlebnisse eine hohe, gewissenhafte, an christlichen – und im Fall der Wurffbains lutherischen – Idealen und Prinzipien orientierte Sittlichkeit nahe (ist es im übrigen nicht immer wieder eine allzu ironische Volte der Weltgeschichte, dass ausgerechnet die gläubigsten Christenmenschen in nichtchristlichen Kreisen die brutalsten Schlächter und Unterwerfer im Namen Gottes waren? So mag man heute, Oktober 2024, angesichts fürchterlicher Kriege in Europa und dem Nahen Osten denken, aber ich sehe ja in Wurffbain einen durch und durch nachdenklichen Mann, der, je länger er für die Companie arbeitete, umso zweifelnder wurde).

In den Pensionen der Volkshändler war es gewöhnlich ranzig, die Böden waren schmutzig, die Bewohner besoffen, die kleinen, dunklen, stickigen Räume ohne Fenster und Aussicht. Jene, die über Tage oder Wochen nach Hunderten von Kilometern Fußmarsch in Amsterdam ankamen, wurden beschimpft, auf Dachböden geschickt, in stinkende, mit schlechter Luft gefüllte Kellerlöcher gesteckt, wo Betrunkene alles traten oder schlugen, was ihnen unter die Füße und Fäuste kam. Hatte der Anwerber Glück, schlief er in einem Stockbett und lag auf Kissen aus Holzspänen. Auf den Tischen mit verdreckten Decken standen Schalen mit in Buttermilch gekochter Gerste und bereits gelblichen Stücken Schaffleisch, während die Mägde in und vor den Pensionen den jungen Anwärtern zuriefen: „Kumpels, wer mit den Wölfen geht, muss mit den Wölfen heulen, hier biste nicht mehr zuhause bei Muttern, sondern im Haus eines Seelenverkäufers!“

Verfasst von: Christian Schüle