Suche nach dem angemessenen Mann

Wurffbain mit doppelt-f, was für ein Name!, dachte ich, faltete die Dokumente auseinander, blätterte in lange von Tageslicht kaum bestäubten Werken und war schon auf den ersten Seiten erstaunt, welch mutiger und dennoch keinesfalls verwegener Abenteurer mir hier begegnete! Im Archiv der Bayerischen Staatsbibliothek war ich auf ein in seiner vorbarocken Steife unzeitgemäßes Buch gestoßen, das, in jeder Hinsicht, aus der Tiefe des Raums gehoben, in Regalfach 72 auf mich wartete,  das Cover hellgrün, die Seiten aus leicht verblichenen, ockerfarbenen, ungewöhnlich dickem Papier und die Schrift altdeutsch, aber in gut lesbarer Fassung eines Nachdrucks aus dem Jahr 1931, in damals gerade neu herausgegebenen, gemäß der im Verlag von Johann Georg Endter 1686 ursprünglich besorgten Originalausgabe. Der Untertitel verspricht „viel denckwürdige Begebenheiten, wohlbeglaubte Erzählungen fern entlegener Länder und dero Einwohner“ (inklusive merkwürdiger Tiere übrigens, wie ich heute, Anfang Oktober 2024, anmerken möchte, da ich Wurffbains Geschichte jedem bekannt machen will, den die Frage umtreibt, warum in Europa alles gekommen ist, wie es kam).

Ich war verblüfft, dass die Erlebnisse des Johann Sigmund Wurffbain von dessen Sohn Dr. Johann Paul Wurffbain zu Papier gebracht wurden, als sei dieses in Tagen erzählte Buch einer so langen und denkwürdigen Reise in die Gefilde der Menschenfresser, wie man vor vierhundert Jahren die Malaien in Südostasien nannte, der erste Roman eines Abenteuers, dessen Hauptfigur, wie im Fall meines Vorhabens, gar kein fiktiver Held, sondern jener leibhaftig existente Kaufmann Johann Sigmund Wurffbain aus Nürnberg ist, der, was ich nicht abschließend zu beurteilen vermag, entweder nicht schreiben konnte oder nicht schreiben wollte, vermutlich aber gar nicht schreiben sollte, wie auch immer, jedenfalls erschien Wurffbains Erzählung über sein Leben einige Jahre früher als Grimmelshausens 1666 veröffentlichter Simplicissimus Teutsch, durch den die Gattung Roman in Deutschland ihre Geburt erfuhr. Dreihundertfnfzig Jahre später kann ich, an einem, von Nebel verhangenen Oktobertag 2024 sagen, dass Wurffbain die Hauptfigur einer wie erfunden klingenden, in jeder Faser aber wahren Geschichte ist, die zugleich Weltgeschichte ist, ohne sich dessen damals bewusst gewesen zu sein.

Verfasst von: Christian Schüle