Rezension zu „Wir Königinnen“ von Anja Gmeinwieser
Anja Gmeinwieser zählt zu den vielversprechenden literarischen Newcomerinnen des Jahres. Ihr Debüt Wir Königinnen (Berlin Verlag 2026) wird mit dem Literaturpreis Fulda 2026 ausgezeichnet. Johanna Mayer hat den Roman für das Literaturportal Bayern gelesen.
*
Man stelle sich die vollen Autobahnen im Süden Europas im heißesten Hochsommer vor. Die Luft flirrt vor Hitze, der Asphalt der Straßen platzt auf wie kleine Vulkane, Auto steht hinter Lkw steht hinter Auto, die Nerven liegen bei 40 Grad im Schatten blank. Man fährt und steht, wartet an den Ländergrenzen auf Durchkommen, macht Pause auf überfüllten Rastplätzen, wo die Sanitäranlagen unbenutzbar sind, das Wasser unbezahlbar und die Parknachbarn den Grill anschmeißen. Man stelle sich auf diesen aufgeplatzten Straßen einen Lkw vor, beladen mit Kühen, dicht gedrängt im stickig heißen Inneren, seit Tagen dort eingesperrt auf dem Weg in die Türkei. Und schließlich stelle man sich am Lenkrad dieses Lkw zwei ungleiche Frauen vor, die eine italienische Fernfahrerin, die andere eine deutsche Lehrerin in einer Lebenskrise, die aus dieser Fahrt einen Roadtrip durch Südeuropa machen, auf der Suche nach sich selbst: Davon erzählt Anja Gmeinwiesers Debüt Wir Königinnen.
Der Roman verbindet die Lebensgeschichten zweier sehr unterschiedlicher Frauen: Die Ich-Erzählerin, eine 37-jährige deutsche Lehrerin, hat genug von ihrem Leben, das zwar auf den ersten Blick nicht schlecht aussieht, sie aber nicht erfüllt. Da ist ihr Job, der sie (über)-fordert, ihr Freund Swen, mit dem es nicht gut läuft, oder ihre Schwester, zu der sie ein schwieriges Verhältnis hat. Eine als Auszeit getarnte Flucht in die piemontesischen Berge soll Klarheit schaffen: ohne Handy, ohne Erreichbarkeit. Dort begegnet sie Anna, einer gleichaltrigen italienischen Lkw-Fahrerin, die Kühe aus Frankreich in die Türkei transportiert, bei ihrer ersten Begegnung mit einem Gewehr bewaffnet, bis die Erzählerin sich spontan entscheidet, Anna zu begleiten. Die beiden Frauen starten einen wilden Trip durch Südeuropa, werden Verbündete auf diesem Weg, versuchen das Leben der jeweils anderen zu verstehen und das eigene mit neuen Augen zu sehen. Gemeinsam lassen sie ihrem Zorn auf die Welt freien Lauf, fechten harte Kämpfe miteinander aus, raufen sich zusammen, um die Kühe vor der unerträglichen Hitze zu schützen, schlafen im hitzegetränkten Rausch dieser Reise im Lkw miteinander. Und während ihr Fahrt sich immer näher dem Ende nähert, verschwimmt ihr vorheriges Leben in der Ferne:
„Ich habe den Kopf ans Seitenfenster gelehnt, das Glas vibriert im Takt des Motors an meinem Schädelknochen, ich finde das angenehm. Anna hat ihr Telefon wieder zwischen Ohr und Schulter geklemmt, lauscht lächelnd, reagiert mit Gesten, die nur ich sehen kann, verzieht gelegentlich das Gesicht, spricht mit weicher Stimme. Wir haben einen Rundumblick, eigentlich fliegen wir, es fühlt sich groß an, erhaben, königlich, alles könnten wir platt fahren mit einem Fußtippen aufs Gas.“
Die beiden Protagonistinnen verständigen sich teilweise auf Englisch, nutzen für längere Sätze aber eine App, die mal völlig zusammenhanglose Übersetzungen von sich gibt, dann wieder geradezu lyrische Meisterwerke produziert:
„Sie (Anna, Anm. d. A.) spricht in ihr Telefon …: ‚Aber wenn ich Lkw fahre, bin ich der Puls aller. Ich bin das Blut, das alles vorantreibt. Ohne uns geht es nicht. Ohne uns funktioniert die Maschine einfach nicht mehr. Aber ich bin nicht die Maschine. Ich habe die Maschine nicht erfunden.“
Wir Königinnen kann durchaus als feministischer Roman gelesen werden, der die Protagonistinnen immer wieder zum Weitermachen und Miteinanderreden zwingt. Zahlreiche aktuelle politische Themen sind wie spielerisch in den Roman eingebaut. Das macht ihn als Teil der Gegenwartsliteratur spannend: Tierwohl, Arbeitsbedingungen, die EU-Grenzpolitik, die Flüchtlingsthematik, Rassismus und Sexismus – all diese Themen sind sehr realistisch und aufrüttelnd um das Motiv des Roadtrips in den Roman eingearbeitet, manchmal sehr offensichtlich und manchmal zwischen den Zeilen versteckt.
An einigen Stellen von Wir Königinnen wünscht man sich ein wenig mehr Tiefe, mehr Einblick in die Leben der Protagonistinnen, deren Probleme zwar angedeutet, aber nicht direkt ausgesprochen werden. Und doch lohnt sich der Roman, der die Geschichten der beiden Frauen so schön zusammenfließen lässt und die Lesenden mitnimmt auf diese fantastische Fahrt, die im Süden Europas beginnt und in der eigenen Gegenwart endet.
Anja Gmeinwieser: Wir Königinnen. Berlin Verlag 2026, 224 S., ISBN: 978-3827015280
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Anja Gmeinwieser zählt zu den vielversprechenden literarischen Newcomerinnen des Jahres. Ihr Debüt Wir Königinnen (Berlin Verlag 2026) wird mit dem Literaturpreis Fulda 2026 ausgezeichnet. Johanna Mayer hat den Roman für das Literaturportal Bayern gelesen.
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Man stelle sich die vollen Autobahnen im Süden Europas im heißesten Hochsommer vor. Die Luft flirrt vor Hitze, der Asphalt der Straßen platzt auf wie kleine Vulkane, Auto steht hinter Lkw steht hinter Auto, die Nerven liegen bei 40 Grad im Schatten blank. Man fährt und steht, wartet an den Ländergrenzen auf Durchkommen, macht Pause auf überfüllten Rastplätzen, wo die Sanitäranlagen unbenutzbar sind, das Wasser unbezahlbar und die Parknachbarn den Grill anschmeißen. Man stelle sich auf diesen aufgeplatzten Straßen einen Lkw vor, beladen mit Kühen, dicht gedrängt im stickig heißen Inneren, seit Tagen dort eingesperrt auf dem Weg in die Türkei. Und schließlich stelle man sich am Lenkrad dieses Lkw zwei ungleiche Frauen vor, die eine italienische Fernfahrerin, die andere eine deutsche Lehrerin in einer Lebenskrise, die aus dieser Fahrt einen Roadtrip durch Südeuropa machen, auf der Suche nach sich selbst: Davon erzählt Anja Gmeinwiesers Debüt Wir Königinnen.
Der Roman verbindet die Lebensgeschichten zweier sehr unterschiedlicher Frauen: Die Ich-Erzählerin, eine 37-jährige deutsche Lehrerin, hat genug von ihrem Leben, das zwar auf den ersten Blick nicht schlecht aussieht, sie aber nicht erfüllt. Da ist ihr Job, der sie (über)-fordert, ihr Freund Swen, mit dem es nicht gut läuft, oder ihre Schwester, zu der sie ein schwieriges Verhältnis hat. Eine als Auszeit getarnte Flucht in die piemontesischen Berge soll Klarheit schaffen: ohne Handy, ohne Erreichbarkeit. Dort begegnet sie Anna, einer gleichaltrigen italienischen Lkw-Fahrerin, die Kühe aus Frankreich in die Türkei transportiert, bei ihrer ersten Begegnung mit einem Gewehr bewaffnet, bis die Erzählerin sich spontan entscheidet, Anna zu begleiten. Die beiden Frauen starten einen wilden Trip durch Südeuropa, werden Verbündete auf diesem Weg, versuchen das Leben der jeweils anderen zu verstehen und das eigene mit neuen Augen zu sehen. Gemeinsam lassen sie ihrem Zorn auf die Welt freien Lauf, fechten harte Kämpfe miteinander aus, raufen sich zusammen, um die Kühe vor der unerträglichen Hitze zu schützen, schlafen im hitzegetränkten Rausch dieser Reise im Lkw miteinander. Und während ihr Fahrt sich immer näher dem Ende nähert, verschwimmt ihr vorheriges Leben in der Ferne:
„Ich habe den Kopf ans Seitenfenster gelehnt, das Glas vibriert im Takt des Motors an meinem Schädelknochen, ich finde das angenehm. Anna hat ihr Telefon wieder zwischen Ohr und Schulter geklemmt, lauscht lächelnd, reagiert mit Gesten, die nur ich sehen kann, verzieht gelegentlich das Gesicht, spricht mit weicher Stimme. Wir haben einen Rundumblick, eigentlich fliegen wir, es fühlt sich groß an, erhaben, königlich, alles könnten wir platt fahren mit einem Fußtippen aufs Gas.“
Die beiden Protagonistinnen verständigen sich teilweise auf Englisch, nutzen für längere Sätze aber eine App, die mal völlig zusammenhanglose Übersetzungen von sich gibt, dann wieder geradezu lyrische Meisterwerke produziert:
„Sie (Anna, Anm. d. A.) spricht in ihr Telefon …: ‚Aber wenn ich Lkw fahre, bin ich der Puls aller. Ich bin das Blut, das alles vorantreibt. Ohne uns geht es nicht. Ohne uns funktioniert die Maschine einfach nicht mehr. Aber ich bin nicht die Maschine. Ich habe die Maschine nicht erfunden.“
Wir Königinnen kann durchaus als feministischer Roman gelesen werden, der die Protagonistinnen immer wieder zum Weitermachen und Miteinanderreden zwingt. Zahlreiche aktuelle politische Themen sind wie spielerisch in den Roman eingebaut. Das macht ihn als Teil der Gegenwartsliteratur spannend: Tierwohl, Arbeitsbedingungen, die EU-Grenzpolitik, die Flüchtlingsthematik, Rassismus und Sexismus – all diese Themen sind sehr realistisch und aufrüttelnd um das Motiv des Roadtrips in den Roman eingearbeitet, manchmal sehr offensichtlich und manchmal zwischen den Zeilen versteckt.
An einigen Stellen von Wir Königinnen wünscht man sich ein wenig mehr Tiefe, mehr Einblick in die Leben der Protagonistinnen, deren Probleme zwar angedeutet, aber nicht direkt ausgesprochen werden. Und doch lohnt sich der Roman, der die Geschichten der beiden Frauen so schön zusammenfließen lässt und die Lesenden mitnimmt auf diese fantastische Fahrt, die im Süden Europas beginnt und in der eigenen Gegenwart endet.
Anja Gmeinwieser: Wir Königinnen. Berlin Verlag 2026, 224 S., ISBN: 978-3827015280
