Krafts Schattenkanon. Eine Ergänzung. Teil 9: Georg Hermann, Jettchen Gebert (1906)
300 Jahre Literaturgeschichte hat sich der Münchner Schriftsteller und Publizist Thomas Kraft vorgenommen, um für das Literaturportal Bayern einige Schätze zu heben. Rund 40 unentdeckte Romane und Erzählungen deutschsprachiger Autorinnen und Autoren – darunter bekannte wie weniger bekannte – finden in dieser kurzweiligen Reihe (neu) ans Licht.
*
Georg Hermann, 1871 als Georg Hermann Borchardt in Berlin geboren, zählte zu den seinerzeit bedeutendsten und produktivsten Schriftstellern. Besonders bekannt wird er durch seine Berliner Familien- und Gesellschaftsromane Jettchen Gebert (1906) und Henriette Jacoby (1908), die ihm den Ruf eines Chronisten des deutsch-jüdischen Lebens einbringen. Als „jüdischer Fontane“ gefeiert, etabliert er sich rasch als prägende Figur im literarischen Leben seiner Zeit. In seinen zahlreichen Essays präsentiert er sich als scharfsinniger Kunstkritiker und äußert wiederholt scharfe Kritik an den politischen Entwicklungen der Weimarer Republik. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten flieht Hermann 1933 ins Exil in die Niederlande. 1943 wird er in Auschwitz ermordet.
Die beiden Romane, die im Berlin der Jahre 1839/40 angesiedelt sind und ein Bild des liberalen Zeitgeistes innerhalb einer jüdischen Familie vermitteln, erfreuen sich zu ihrer Zeit größter Beliebtheit. Georg Hermann liebt das Spiel mit der Vergangenheit und ist sich der epochalen Zäsur seiner Gegenwart vollends bewusst. Sein Anliegen besteht darin, das Vergangene mit seinen verblassenden Lebenszeichen vor dem endgültigen Vergessen zu retten. Das Bewahren der Erinnerung an Menschen und Dinge bildet sowohl das zentrale Motiv seines literarischen Schaffens als auch das seiner Existenz als Sammler, dessen Wohnräume von Kunstwerken und Alltagsobjekten aus unterschiedlichen Epochen und Kulturen erfüllt sind. Im Vorwort zu Jettchen Gebert (1906) formuliert Hermann das so: „Erzählend will er dem vergangenen und so schnell vergessenen Leben ein Denkmal und einen Namen geben: 'Warum soll nicht das Wort vom Leben Zeugnis geben? Warum soll nicht der letzte Hall von Menschen und Dingen aufgefangen werden?'“
Hermanns Romane gaben dem Historismus das gute Gewissen wieder. Die „Macht des Ehemals“ verspürt kaum einer so wie dieser Schriftsteller, der mit Jettchen Gebert die Geschichte einer biedermeierlichen Schönheit schreibt und zugleich die der deutsch-jüdischen Symbiose. Lebendig wird der Roman durch Georg Hermanns bildhafte Art zu erzählen. Bis in kleinste Details hinein lässt der Autor die bürgerliche Welt des Biedermeier entstehen. Hermann will die Welt seiner Großeltern „verlebendigen bis auf den letzten Hosenknopf“, den kleinsten Knöpfen und den verborgensten Empfindungen die gleiche Aufmerksamkeit zuwenden und das eine im anderen sichtbar machen. Er durchkämmt Museen und Bibliotheken, sammelt selbst Kunstwerke und Antiquitäten und erkennt dabei, dass die Objekte, mit denen die Menschen jener Zeit sich umgeben, noch eine gewisse Seele in sich tragen. Auf subtile Weise übt er damit Kritik an der oberflächlichen Lautstärke und dem leeren Pomp seiner eigenen Gegenwart, der wilhelminischen Ära.
Mit dem zweibändigen Romanwerk Jettchen Gebert (1906) und der Fortsetzung Henriette Jacoby (1908) landet er den großen Coup. Die beiden Werke erzählen die tragische Geschichte einer jungen Berliner Jüdin zur Zeit des sogenannten Biedermeier, der Jahre zwischen dem Sturz Napoleons 1815 und der bürgerlichen Revolution 1848. Als „die jüdischen Buddenbrooks“ wurden die beiden Romane bezeichnet, denn fünf Jahre zuvor war Thomas Manns Saga vom „Verfall einer Familie“ erschienen. Wie die Buddenbrooks sind auch die Geberts wohlhabende und respektierte Kaufleute, die neben ihrem geschäftlichen Erfolg Bildung und Kultur hoch schätzen. Diese preußischen Staatsbürger jüdischen Glaubens, die trotz ihrer umfassenden Assimilation stolz auf ihre Herkunft sind, akzeptieren Nichtjuden zwar als Geschäftspartner, jedoch nicht als Schwiegersöhne. Jettchen Gebert, die sich in einen Nichtjuden verliebt, sich aber nicht von ihrer Familie loslösen möchte, opfert ihre Liebe, heiratet stattdessen ihren wenig sympathischen Vetter Julius Jacoby und zerbricht an der Unerfüllbarkeit ihrer Sehnsüchte. Jacoby, ein Ostjude aus Posen, zieht es nach Berlin, „wie die Fliege zum Siruptopf“. Hermann, der assimilierte Westjude, richtet einen scharfen Blick auf die Juden aus dem Osten. Er sieht in ihnen kulturlose, ausschließlich geschäftsorientierte Einwanderer, die in naher Zukunft die alteingesessenen und kultivierten Familien wie die Geberts verdrängen könnten.
Im Spannungsverhältnis zu den Traditionen der Großfamilie ringt Jettchen um ihre persönliche Unabhängigkeit. Der Doppelroman entfaltet seine stärkste Wirkung durch die detailgenaue, vom Naturalismus geprägte Wiedergabe der typischen sozialen und kulturellen Erscheinungen seiner Zeit.
In der 1908 veröffentlichten Fortsetzung seines erfolgreichen Romans Jettchen Gebert führt Georg Hermann das tragische Lebensdrama seiner Protagonistin Henriette, genannt Jettchen, konsequent zu seinem bitteren Ende. Nach der Trennung von ihrem ungeliebten Ehemann Julius Jacoby, für den es nie um Liebe, sondern stets nur um die Mitgift ging, findet Henriette auch in einer Affäre lediglich oberflächliches Glück, da sie schließlich erkennt, dass ihr Herz einem anderen gehört. Diese Erkenntnis kommt zu spät. Das ist die Tragik ihres kurzen Lebens.
In dieser exemplarischen Geschichte von Liebe und Leid entfaltet Hermann ein präzises und eindrucksvolles Stimmungsbild. Er erweist sich erneut als versierter Kenner der Biedermeierzeit, deren komplexe Gefühlswelt und Lebensrealität er auf meisterhafte Weise für seine Leserschaft lebendig werden lässt. Eingebettet in die Erzählung einer jüdischen Familie aus dem Berliner Bürgertum, erweitert sich Henriettes Biografie vom intimen Familienroman zu einem Panorama der Gesellschaft.
„Die Weste unter dem Rock des anständigen Europäers“ habe stets sein Judentum für Georg Hermann symbolisiert, schrieb er 1935. In diesem Bild zeigt sich das assimilierte europäische Judentum, das sein jüdisches Erbe nicht ablegt, sondern es lediglich unter dem Anzug des deutschen Staatsbürgers verbirgt. Unsichtbar bleibt in diesem Bild der Kaftan der Ostjuden, der als Negativfolie mitschwingt. Hier wird deutlich, wie bei Georg Hermann die Ablehnung des Zionismus mit dem „Zurückdrehen der Uhr um Jahrhunderte“ für den europäisierten Juden zusammenhängt, ebenso wie seine schon im Jettchen Gebert zum Ausdruck kommende Abwehr des Ostjudentums. Noch 1937, in seinem Essay „Eine Lanze für die Westjuden“, hielt Hermann an diesem Selbstbild fest. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte der aufkommende Antisemitismus die „Lanze“ längst zerbrochen, den Juden ihre Anzüge genommen und ihnen stattdessen den Judenstern auf die Westen geheftet.
Georg Hermann: Jettchen Gebert. Roman. Mit einem Nachwort von Christian Klein. Wallstein Verlag, Göttingen 2022.
Lesen Sie nächste Woche über die mitreißende Geschichte zweier Brüder um die Wende zum 20. Jahrhundert, die Epoche des Fin de Siècle.
Krafts Schattenkanon. Eine Ergänzung. Teil 9: Georg Hermann, Jettchen Gebert (1906)>
300 Jahre Literaturgeschichte hat sich der Münchner Schriftsteller und Publizist Thomas Kraft vorgenommen, um für das Literaturportal Bayern einige Schätze zu heben. Rund 40 unentdeckte Romane und Erzählungen deutschsprachiger Autorinnen und Autoren – darunter bekannte wie weniger bekannte – finden in dieser kurzweiligen Reihe (neu) ans Licht.
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Georg Hermann, 1871 als Georg Hermann Borchardt in Berlin geboren, zählte zu den seinerzeit bedeutendsten und produktivsten Schriftstellern. Besonders bekannt wird er durch seine Berliner Familien- und Gesellschaftsromane Jettchen Gebert (1906) und Henriette Jacoby (1908), die ihm den Ruf eines Chronisten des deutsch-jüdischen Lebens einbringen. Als „jüdischer Fontane“ gefeiert, etabliert er sich rasch als prägende Figur im literarischen Leben seiner Zeit. In seinen zahlreichen Essays präsentiert er sich als scharfsinniger Kunstkritiker und äußert wiederholt scharfe Kritik an den politischen Entwicklungen der Weimarer Republik. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten flieht Hermann 1933 ins Exil in die Niederlande. 1943 wird er in Auschwitz ermordet.
Die beiden Romane, die im Berlin der Jahre 1839/40 angesiedelt sind und ein Bild des liberalen Zeitgeistes innerhalb einer jüdischen Familie vermitteln, erfreuen sich zu ihrer Zeit größter Beliebtheit. Georg Hermann liebt das Spiel mit der Vergangenheit und ist sich der epochalen Zäsur seiner Gegenwart vollends bewusst. Sein Anliegen besteht darin, das Vergangene mit seinen verblassenden Lebenszeichen vor dem endgültigen Vergessen zu retten. Das Bewahren der Erinnerung an Menschen und Dinge bildet sowohl das zentrale Motiv seines literarischen Schaffens als auch das seiner Existenz als Sammler, dessen Wohnräume von Kunstwerken und Alltagsobjekten aus unterschiedlichen Epochen und Kulturen erfüllt sind. Im Vorwort zu Jettchen Gebert (1906) formuliert Hermann das so: „Erzählend will er dem vergangenen und so schnell vergessenen Leben ein Denkmal und einen Namen geben: 'Warum soll nicht das Wort vom Leben Zeugnis geben? Warum soll nicht der letzte Hall von Menschen und Dingen aufgefangen werden?'“
Hermanns Romane gaben dem Historismus das gute Gewissen wieder. Die „Macht des Ehemals“ verspürt kaum einer so wie dieser Schriftsteller, der mit Jettchen Gebert die Geschichte einer biedermeierlichen Schönheit schreibt und zugleich die der deutsch-jüdischen Symbiose. Lebendig wird der Roman durch Georg Hermanns bildhafte Art zu erzählen. Bis in kleinste Details hinein lässt der Autor die bürgerliche Welt des Biedermeier entstehen. Hermann will die Welt seiner Großeltern „verlebendigen bis auf den letzten Hosenknopf“, den kleinsten Knöpfen und den verborgensten Empfindungen die gleiche Aufmerksamkeit zuwenden und das eine im anderen sichtbar machen. Er durchkämmt Museen und Bibliotheken, sammelt selbst Kunstwerke und Antiquitäten und erkennt dabei, dass die Objekte, mit denen die Menschen jener Zeit sich umgeben, noch eine gewisse Seele in sich tragen. Auf subtile Weise übt er damit Kritik an der oberflächlichen Lautstärke und dem leeren Pomp seiner eigenen Gegenwart, der wilhelminischen Ära.
Mit dem zweibändigen Romanwerk Jettchen Gebert (1906) und der Fortsetzung Henriette Jacoby (1908) landet er den großen Coup. Die beiden Werke erzählen die tragische Geschichte einer jungen Berliner Jüdin zur Zeit des sogenannten Biedermeier, der Jahre zwischen dem Sturz Napoleons 1815 und der bürgerlichen Revolution 1848. Als „die jüdischen Buddenbrooks“ wurden die beiden Romane bezeichnet, denn fünf Jahre zuvor war Thomas Manns Saga vom „Verfall einer Familie“ erschienen. Wie die Buddenbrooks sind auch die Geberts wohlhabende und respektierte Kaufleute, die neben ihrem geschäftlichen Erfolg Bildung und Kultur hoch schätzen. Diese preußischen Staatsbürger jüdischen Glaubens, die trotz ihrer umfassenden Assimilation stolz auf ihre Herkunft sind, akzeptieren Nichtjuden zwar als Geschäftspartner, jedoch nicht als Schwiegersöhne. Jettchen Gebert, die sich in einen Nichtjuden verliebt, sich aber nicht von ihrer Familie loslösen möchte, opfert ihre Liebe, heiratet stattdessen ihren wenig sympathischen Vetter Julius Jacoby und zerbricht an der Unerfüllbarkeit ihrer Sehnsüchte. Jacoby, ein Ostjude aus Posen, zieht es nach Berlin, „wie die Fliege zum Siruptopf“. Hermann, der assimilierte Westjude, richtet einen scharfen Blick auf die Juden aus dem Osten. Er sieht in ihnen kulturlose, ausschließlich geschäftsorientierte Einwanderer, die in naher Zukunft die alteingesessenen und kultivierten Familien wie die Geberts verdrängen könnten.
Im Spannungsverhältnis zu den Traditionen der Großfamilie ringt Jettchen um ihre persönliche Unabhängigkeit. Der Doppelroman entfaltet seine stärkste Wirkung durch die detailgenaue, vom Naturalismus geprägte Wiedergabe der typischen sozialen und kulturellen Erscheinungen seiner Zeit.
In der 1908 veröffentlichten Fortsetzung seines erfolgreichen Romans Jettchen Gebert führt Georg Hermann das tragische Lebensdrama seiner Protagonistin Henriette, genannt Jettchen, konsequent zu seinem bitteren Ende. Nach der Trennung von ihrem ungeliebten Ehemann Julius Jacoby, für den es nie um Liebe, sondern stets nur um die Mitgift ging, findet Henriette auch in einer Affäre lediglich oberflächliches Glück, da sie schließlich erkennt, dass ihr Herz einem anderen gehört. Diese Erkenntnis kommt zu spät. Das ist die Tragik ihres kurzen Lebens.
In dieser exemplarischen Geschichte von Liebe und Leid entfaltet Hermann ein präzises und eindrucksvolles Stimmungsbild. Er erweist sich erneut als versierter Kenner der Biedermeierzeit, deren komplexe Gefühlswelt und Lebensrealität er auf meisterhafte Weise für seine Leserschaft lebendig werden lässt. Eingebettet in die Erzählung einer jüdischen Familie aus dem Berliner Bürgertum, erweitert sich Henriettes Biografie vom intimen Familienroman zu einem Panorama der Gesellschaft.
„Die Weste unter dem Rock des anständigen Europäers“ habe stets sein Judentum für Georg Hermann symbolisiert, schrieb er 1935. In diesem Bild zeigt sich das assimilierte europäische Judentum, das sein jüdisches Erbe nicht ablegt, sondern es lediglich unter dem Anzug des deutschen Staatsbürgers verbirgt. Unsichtbar bleibt in diesem Bild der Kaftan der Ostjuden, der als Negativfolie mitschwingt. Hier wird deutlich, wie bei Georg Hermann die Ablehnung des Zionismus mit dem „Zurückdrehen der Uhr um Jahrhunderte“ für den europäisierten Juden zusammenhängt, ebenso wie seine schon im Jettchen Gebert zum Ausdruck kommende Abwehr des Ostjudentums. Noch 1937, in seinem Essay „Eine Lanze für die Westjuden“, hielt Hermann an diesem Selbstbild fest. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte der aufkommende Antisemitismus die „Lanze“ längst zerbrochen, den Juden ihre Anzüge genommen und ihnen stattdessen den Judenstern auf die Westen geheftet.
Georg Hermann: Jettchen Gebert. Roman. Mit einem Nachwort von Christian Klein. Wallstein Verlag, Göttingen 2022.
Lesen Sie nächste Woche über die mitreißende Geschichte zweier Brüder um die Wende zum 20. Jahrhundert, die Epoche des Fin de Siècle.