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02.04.2025, 11:43 Uhr
Nikolai Vogel
Rezensionen

Rezension zu Dagmar Leupolds Lyrikband „Small Talk“

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(c) Verlag Jung und Jung

In Zeiten, in denen es die differenzierten Formen öffentlicher Rede und humaner Gesprächsführung vielerorts schwer haben, erscheint Dagmar Leupolds jüngster Lyrik-Band Small Talk (Jung und Jung 2025) gerade richtig. Der Autor und Verleger Nikolai Vogel hat Leupolds poetische Auskünfte zur Weltlage für das Literaturportal gelesen.

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Small Talk, ein eher oberflächliches Geplauder also, ein Gespräch, das geführt wird, damit man nicht stumm nebeneinander steht und nicht weiß, wohin mit den Händen. Small Talk, der Titel von Dagmar Leupolds neuem Lyrikband, der sich somit nicht wichtig nimmt, keine großen Versprechungen macht. Doch warum Small Talk?

Vielleicht, weil es so schwierig geworden ist, noch etwas zu sagen?

Schauen wollen wir, / nicht sehen, heißt es in zwei Versen. Krieg, Blumen, Wetter und unsere Endlichkeit, das sind die wesentlichen Themen, die in diesen Gedichten immer wieder umkreist werden. Die Erfahrung, dass Krieg ist. Dass er uns doch angeht, auch wenn er nicht hier bei uns ist. Und dass der Alltag dennoch weitergeht: die Gleichzeitigkeit sich eigentlich ausschließender Zustände. Und dazu kommt die Hilflosigkeit. Die Hilflosigkeit der Schreibenden. Die Hilflosigkeit des Schreibens. Die Hilflosigkeit des Geschriebenen. Gleich mit dem ersten Gedicht setzt der Krieg ein. Und er bringt die selbstverständlichen Sicherheiten ins Wanken und ruft den Zweifel auf: Dass überhaupt die Sonne noch antritt und / der Mond – und pünktlich die neuen / Wunden bescheint.

Wie da noch schreiben, ist eine Frage, die durch viele der Texte hindurchscheint: Die Sprache desertiert / beim Nahen der Bilder. Und auch der Tod und die Angst drängen sich beharrlicher auf: Immerhin: Die Haare wachsen noch / während wir Richtung / Humus schrumpfen.

Nur das Wetter scheint zu bleiben, eine sich dauernd verändernde Konstante, die auch unsere Sprache bewegt: Anderswo agierten zwei / Wolken mit gewaltigem Body-Maß-Index: / Pazifistinnen, nur mit Regen bewehrt.

Kurz sind sie, die Gedichte dieses Bandes, die meisten nicht mal zehn Verse lang oder kaum mehr. Wie hingeworfen wirken sie, in freier Form, und doch fein komponiert, irgendwie fragil, angreifbar, die so unglaubliche Welt aushalten müssend. Balanceakte vor dem Nichts. Glaube, Unglaube, Liebe, Hoffnung. Auch Motive aus der christlichen Liturgie werden aufgerufen.

Der Alltag, der Schreibtisch, das Reisen, der Urlaub, Vögel und Bäume, der Schlaf, die Nachrichten, der Krieg, der weitergeht. Dagmar Leupolds neuer Lyrikband vermittelt einen journalartigen Eindruck. Vielmehr als eine Selbstvergegenwärtigung hält es die Unsicherheit fest.

Dagmar Leupold: Small Talk. Gedichte. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2025, 128 S., ISBN: 978-3-99027-412-5